Huang Po-Chih widmet sich im mumok dem „Blue Elephant“

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In Reih und Glied baumeln blaue Jeanshemden von einer Stange im Zentrum des Ausstellungsraums, an den Wänden großformatige Fotos einer vom Leben gezeichneten Frau: Mit der Schau „Blue Elephant“ setzt sich der taiwanesische Künstler Huang Po-Chih derzeit im mumok mit Lebens- und Arbeitsrealitäten in seiner Heimat auseinander. „Es ist die Geschichte meiner Mutter und zugleich diejenige des globalen Kapitalismus“, erzählt der 41-Jährige bei einem Ausstellungsbesuch der APA.

Der Künstler ist Teil jener Generation, die in einer Ära demokratischer Reformen und hohen Wirtschaftswachstums sozialisiert wurde. „Nach der Aufhebung der Einparteienherrschaft und des Kriegsrechts 1987 transformierte sich Taiwan in eine kapitalistisch-neoliberale, demokratisch verfasste Gesellschaft“, erzählt Huang Po-Chih, der den Wandel anhand seiner eigenen Familiengeschichte zu seiner Kunst gemacht hat. Der Ausstellungstitel „Blue Elephant“ sei ein Sinnbild für die Arbeitsrealität in der Textilindustrie, so der Künstler. Die hohe körperliche Belastung sowie die eingesetzten Farbstoffe würden Spuren auf der Haut der Menschen hinterlassen - so auch seiner eigenen Mutter, die als Näherin mit ihrer Familie immer wieder den an die Peripherie abgesiedelten Fabriken hinterherzog. Ergänzend fügt Kuratorin Heike Eipeldauer hinzu, dass der Begriff zugleich durch die Taiwanesische Regierung zu Propagandazwecken eingesetzt wurde und sich in zahlreichen Logos wiederfindet.

Die Hemden-Installation „Production Line - Made in China & Made in Taiwan“ entstammt einer Werkserie, die Huang im Rahmen der Shenzhen Sculpture Biennale und der Taipheh Biennale im Jahr 2014 realisierte. Dabei fertigten seine Mutter und andere arbeitslos gewordene Textilarbeiterinnen im künstlerischen Kontext Jeanshemden. „Damit wollte ich grundlegende Mechanismen des globalen Kapitalismus hinterfragen und den Frauen den sozialen Austausch und ihre Autonomie zurückgeben“, erläutert Huang. Seine Mutter ist auch immer wieder auf großformatigen Fotos zu sehen, während sie versucht, ihr Gesicht vor der Kamera zu verbergen. Zugrunde liegt seinen Arbeiten der zwischen 2011 und 2013 entstandene Essay „Blue Skin: Mama‘s Story“, der in Buchform auf einem Regal ausgestellt ist.

Vervollständigt wird die Auseinandersetzung mit dem Textilmarkt schließlich mit der Filmarbeit „Seven People Crossing the Sea“ (2019-21), in der Huang die sozioökonomischen Transformationen in Ostasien in den Erfahrungshorizonten individueller Protagonisten spiegelt. Erzählt wird die Lebensgeschichte von Ho Ying, einem illegalen chinesischen Immigranten, der auf der Suche nach seinem „Hong Kong Dream“ zum Verkäufer auf dem Textilmarkt Pang Jai in Hongkong wurde. „Als einer der letzten verbleibenden Standbesitzer hat Ho Ying eine Anti-Relocation Bewegung initiiert, die Fragen zur Legitimität der Händler wie auch zur Erforschung von deren sozialen Lebensräumen angestoßen hat“, so Huang, der in dem Film auch selbst in Erscheinung tritt: Umgeben von sprichwörtlichen Bergen von Kleidung, die er sich Schicht für Schicht selbst überzieht, bis er sich kaum mehr bewegen kann...

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