Tausendsassa: Karl Stirner mit „woschdog“-Gig und Lyrikfilm

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Am Samstag ist endlich „woschdog“. Der Liveauftritt der von Karl Stirner, Sebastian Seidl, Johannes Wakolbinger und Ingrid Lang gebildeten Formation in Sam‘s Bar wird nun doch nicht gestreamt, sondern darf im Theater Nestroyhof Hamakom vor Publikum gespielt werden. „Wir freuen uns alle sehr aufs Spielen“, sagt Stirner. „Es wird interessant: mit Maske, aber ohne Getränke.“ Weil die Gastro in Wien erst am Montag aufsperrt, sitzt man in Sam‘s Bar nämlich auf dem Trockenen.

Corona hat dem Bandprojekt woschdog, in dem Wienerlied und Avantgardemusik, Zither, Schlagzeug und Synthesizer eine außergewöhnliche Mischung eingehen, Ingrid Lang die meisten Texte schreibt und Karl Stirner die treibende Kraft der musikalischen Kreativabteilung ist, ordentlich zugesetzt. Lockdownbedingt gab es bisher nur ein einziges Konzert, im Chelsea. Dank Tontechniker Markus Wallner am Mischpult (Stirner: „Das Leiwandste, das einer Band passieren kann.“) sollten diesmal auch die elektronischen Feinheiten des Materials zu hören sein. Als Special Guest wird zudem der Cellist Lukas Lauermann erwartet.

Außerdem ist die erste Platte von woschdog endlich erschienen. Das Debütalbum „foin“ wartet mit neun Stücken auf, die auf Namen wie „waglhund“, „na das brauch i ned“ oder „scht!“ hören. „In der Musik der vierköpfigen Truppe kommen Poesie im Wiener Dialekt und musikalische Tiefe auf wahnsinnig stimmige Weise zusammen. Das Bild, das sich in den im dezenten Tempo gehaltenen und minimalistisch instrumentierten und arrangierten Stücken malt, ist ein geheimnisvoll dunkel, düster und melancholisch gefärbtes und wirkt vom Sound her irgendwie aus der Zeit gefallen“, heißt es dazu in einer frischen Rezension von „musicaustria“.

Doch eigentlich hat Karl Stirner den Kopf voll mit einem anderen Projekt, das der Fertigstellung entgegengeht und noch schräger klingt als der die musikalischen Schäfchen ins Trockene bringende Waschtag. Stirner verfilmt gerade seine Lyrik. Und das kam so: Seit langem schreibt er zwischendurch immer wieder „schmähfreie Vierzeiler in wienerischer Sprache“. „Schmähfrei heißt bei mir: ohne Schmähung. Es geht mir nicht ums Runtermachen, sondern ums Beobachten“, erklärt er. Irgendwann waren an die 200 Vierzeiler fertig. „Also hab ich mir gedacht: Machst halt einen Lyrikband. Mit jeder Absage eines Verlags hat sich aber meine Einsicht vertieft, dass am Ende davon nur zwei Tonnen Makulatur übrig bleiben. Also lasse ich die ganzen Bäume lieber stehen und mach eine Literaturverfilmung.“

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Dafür hat er die 73 besten Kurzgedichte ausgewählt und bringt sie vor einer Videokamera zu Gehör. In zwei Versionen: einmal als pure Lesung, und einmal untermalt von einer dreiköpfigen Brasspartie, dem Trio Wieder, Gansch & Paul alias Thomas Gansch an der Trompete, Leonhard Paul an der Posaune und Albert Wieder an der Tuba. Die musikalische Grundstruktur nach einer alten Gstanzlmelodie („Aber in Moll!“) gab Stirner vor, der Rest war Improvisation, Einsatzfreude und Professionalität. „In fünf Stunden war die ganze Aufnahme im Kasten!“ Noch vor Jahreswechsel soll „73“ als rund 50-minütige Literaturverfilmung von Stephan Mussil auf einer eigenen Website abrufbar sein. „Mit zwei Buttons - für Pay-as-you-can und Book-on-demand.“ Wer letzteren drückt erhält „ein Unikat für Extrem-Bibliophile“, einen nicht ganz billigen Lyrikband aus Altpapier, versehen mit Handgemaltem...

Dass der 51-jährige Wiener Tausendsassa in den vergangenen Lockdowns träge und trübsinnig geworden wäre, kann man ihm wohl beim bösesten Willen nicht nachsagen. Die Frage ist eher: Was kommt da noch alles an Dingen, die raus müssen, aber dann in keine Schublade passen? Karl Stirner schmunzelt. Viele Ideen warten auf ihre Verwirklichung. Manche Projekte sind im Werden, aber noch nicht spruchreif. 2022 soll zumindest eine neue Albumreihe begonnen werden. Stirners Festplatten sind nämlich voll mit Klangexperimenten. „Ich finde sie meditativ“, meint er, „Musik zum Ausmalen“. Und so soll der Tonträger dann auch heißen: „music to paint walls by“.

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