Neuer „Cäsar“ im TaW begeistert mit neuer Cleopatra

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Das alte Ägypten ist ein Hort schwacher Männer und einer starken Frau. Was schon Hollywood und Liz Taylor wussten, stellte am Freitag auch das Theater an der Wien unter Beweis. Keith Warner hat Händels „Giulio Cesare in Egitto“ inszeniert - wobei der Titel „Cleopatra“ im konkreten Falle treffender wäre. Während für die letzte Barockpremiere der Ära von Intendant Roland Geyer nochmals die alte Gang zusammengekommen ist, liefert die Neue die mit Abstand beste Leistung ab.

Louise Alder, bereits bekannt von Auftritten an der Staatsoper, ist eine Cleopatra, die dem Cäsar von Bejun Mehta locker die Lorbeeren vom Kopf spielt und singt. Die 35-jährige Britin hat zwar nicht die zündendste Koloraturstimme, besitzt aber eine Wandlungsfähigkeit zwischen messerscharfem Balancieren auf einem Ton und gezielt eingesetztem Vibrato, eine Eleganz mit Biss. Und nicht zuletzt das volle Bühnencharisma.

Da hat die Riege der hochstimmigen Herren, allesamt Stammgäste im TaW, schlicht kein Leiberl gegen diese Wucht im Kleid. Mehta hat seinen Alt-Counter zwar technisch noch immer gut im Griff, aber an Tragfähigkeit und Strahlkraft eingebüßt. Christophe Dumaux ist als böser Gegenspieler Tolomeo wie immer spielfreudig und uneitel als Strizzi im Tarantino-Stil überzeugend, stimmlich an diesem Abend aber ähnlich wie Publikumsliebling Jack Arditti als rachesuchender Sesto lediglich routiniert unterwegs.

Vielleicht ist hier und da aber auch einfach zu viel Aktion für Koloraturfeuerwerke gefragt. Schließlich haben im Theater an der Wien die Bauarbeiten bereits begonnen - zumindest auf der Bühne, auch wenn das Haus selbst erst im März zur Generalsanierung geschlossen wird. Keith Warner positioniert den gesamten 1. Akt im Setting eines renovierungsbedürften, ägyptisierten Kinos im Stile des legendären Grauman‘s Egyptian Theatre von Hollywood. Das verortet den Händel‘schen Cäsar in der Tradition des Hollywood-Sandalenkinos, in der Metaphernwelt von Machtinszenierung, Sehen und Gesehen-Werden - und bietet zwar viele, aber wenig gute Spielflächen.

Warner bemüht sich, anders als die meisten Regisseure, dabei sichtlich nicht darum, das im Kern aus Einzelarien bestehende Barockwerk im Sinne einer Dramaturgie des 21. Jahrhunderts zu verbinden und psychologisch auszufeilen. Er traut sich, den Charakter der Nummernoper im Sinne einer Abfolge von in sich geschlossenen kleinen Dramoletten zu belassen, die freie und eben dadurch moderne Handlungsdiversität aufzugreifen. Warner unternimmt nicht den Versuch, die auf Effekte angelegte Barockoper in eine stringente Narration zu pressen.

Zugleich könnte der 65-Jährige bei diesem Spektakelansatz durchaus konsequenter sein, auch wenn immer wieder gute Ideen Arien zu eigenen Subgeschichten im großen Bogen werden. So wechselt etwa Cleopatra in „Non disperar“ im Schnelldurchlauf Kostüme wie das Hausmädchen oder die Domina oder Videokünstler David Haneke verwandelt den Kinoraum für „Va tacito e nascosto“ in eine Hecke. Den Höhepunkt stellt hierbei eine beeindruckend projizierte Horrorsequenz des Tolomeo im Drogenrausch dar. Immer wieder aber scheint Warner auch der Mut (oder die Lust?) zu verlassen, und er weiß der Statik nur bedingt etwas entgegenzusetzen. In jedem Falle aber fiel am Ende der Jubel dem barocken Hang zur Auskostung von Länge entsprechend aus.

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