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„Der ideale Mann“: Politisches Lustspiel in der Josefstadt

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Ein erfolgreicher Politiker mit betont weißer Weste, der über ein Schriftstück aus seiner Vergangenheit zu stolpern droht: Was Oscar Wilde 1894 in der Komödie „Ein idealer Gatte“ lustvoll als Intrigenspiel in der feinen Londoner Gesellschaft anlegte, wird am Theater in der Josefstadt in der Inszenierung von Alexandra Liedtke zu einer umso lustvolleren Parabel auf aktuelle österreichische Ereignisse. Die messerscharfe Neuübersetzung durch Elfriede Jelinek tut den Rest.

Schon der neue Titel „Der ideale Mann“ löst den Fokus vom mitschwingenden Beziehungsdrama und stellt das Geschehen auf breitere Beine: Verheiratet oder nicht, eine gute Partie muss ein Mann in allen Belangen sein. Und Michael Dangl gibt den scheinbar rechtschaffenen Staatssekretär im Außenamt Sir Robert Chiltern mit blond gemeschten Haaren und perfekt sitzendem Anzug als Hans Dampf in allen politischen Gassen. Schauplatz ist sein weitläufiges Haus, das Philip Rubner einerseits als Guckkastenbühne mit zahlreichen Zimmerfluchten und mondänes Sprechzimmer auf der anderen Seite gestaltet hat. Die Gäste shaken in ihren betont schicken Outfits (Kostüme: Johanna Lakner) zu flotten Beats und freuen sich sichtlich, unter sich zu sein.

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Doch mit dem pompösen Auftritt der aus Wien angereisten Mrs. Cheveley bekommt die Fassade des von allen geliebten Sir Chiltern einen jähen Riss: Martina Stilp, die in ihren neonpinken Designerklamotten einen starken Kontrast zu den pastellig gewandeten Mitspielern bildet, ist im Besitz eines Briefes, der den Politiker der Korruption in jungen Jahren überführen kann. Dafür fordert sie aber kein Geld, sondern einen neuerlichen Akt der Korruption: Chiltern soll im Parlament für ein dubioses Kanalprojekt stimmen, das er bisher aufgrund seiner Moralvorstellungen abgelehnt hat. Wie Dangl angesichts dieser Bedrohung jäh die Fassung verliert, gehört zu einem der besten der an starken Momenten nicht geizenden Inszenierung.

Schließlich ist da nicht nur die Gesellschaft und die Karriere, sondern auch seine Ehefrau, der Silvia Meisterle eine schimmernde Aura des moralischen Perfektionismus verleiht. Und so versucht Chiltern mithilfe seines in Superslimfitanzüge gepressten Freundes Lord Goring (herrlich abgedreht: Matthias Franz Stein), das kompromittierende Schriftstück zurückzuerlangen. Dass dieses Problem mehr als zeitlos ist, verdeutlicht ein angedeuteter Versprecher: „Sie haben sich selbstverständlich drauf verlassen, dass der Brief geschredd- äh - vernichtet worden ist“, heißt es an einer Stelle in Anlehnung an nicht allzu weit zurückliegende politische Ereignisse rund um die ÖVP.

Und so stolpert Dangl immer fahriger durch die vermeintlich letzten Stunden seiner glänzenden Karriere, während auch seine - auf dem Fundament der Moral geschlossene - Ehe zu zerbrechen droht. Ganz nebenbei soll indes eine andere angebahnt werden: Die Annäherungen zwischen Stein als Lord Goring und Chilterns Schwester (Katharina Klar) ermöglichen abstruse Szenen zwischen zwei gesellschaftlichen Außenseitern, die in ihrer Verschrobenheit nicht und nicht zueinander finden können. Mit viel Liebe hat Liedtke auch zahlreiche Nebenrollen gestaltet und lässt Paul Matić als Gorings verschwiegenen Diener oder Michael Schönborn als Gorings verstockten Vater immer wieder glänzen.

Die entrückte Überhöhung einer Gesellschaftsklasse, die sich vom „Volk“ so weit entfernt hat, dass dieses nur mehr von weit oben regiert werden kann, unterstreicht die Regisseurin, die am Haus u.a. schon Ibsens „Hedda Gabler“ und Schnitzlers „Liebelei“ inszeniert hat, mit grotesker Bewegungsführung, für die eigens ein Körpercoach engagiert wurde. So entstehen immer wieder hinreißende Tableaux vivants, die die Figuren karikieren, ohne ihnen ihr Gewicht zu nehmen. Lang anhaltender Applaus für einen Abend, an dem am Ende deutlich wird: Ein Kanzlerposten kann schnell wieder vakant werden ...

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