Richtungsentscheid in Chile: Linker Kandidat Boric vor Sieg

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Der linksgerichtete frühere Studentenführer Gabriel Boric steht vor einem Sieg bei der Präsidentenstichwahl in Chile. Nach Auszählung von 70 Prozent lag er mit mehr als 55 Prozent klar vor seinem ultrakonservativen Kontrahenten José António Kast. Dieser beglückwünschte seinen Gegner: „Ich habe gerade mit Gabriel Boric gesprochen und ihm zu seinem großen Triumph gratuliert“, schrieb er auf Twitter.

Boric, Sohn kroatischer und katalanischer Einwanderer, will das Land wirtschaftspolitisch vom Erbe des früheren Militärdiktators Augusto Pinochets lösen, das er für die große soziale Ungleichheit in Chile verantwortlich macht. Er setzt sich für eine Reform des privaten Rentensystems und eine stärkere Rolle des Staates im Gesundheits- und Bildungswesen ein.

Nach dem Ende der zweiten Amtszeit des konservativen Staatschefs Sebastian Pinera stand Chile mit dieser Stichwahl vor einer echten Richtungsentscheidung. Kast (55) und Boric (35) repräsentieren entgegengesetzte Pole des politischen Spektrums in dem südamerikanischen Land. Ihr Konkurrenzkampf spiegelt die tiefe Spaltung der chilenischen Gesellschaft wider. Sowohl Kast als auch Boric gehören Parteien an, die bisher in der chilenischen Politik keine tragende Rolle spielten und an den Regierungen seit dem Ende der Militärdiktatur von Augusto Pinochet vor 31 Jahren nicht beteiligt waren.

Lange galt Chile als leuchtendes Beispiel in einer von Armut, Gewalt und politischer Unruhe geprägten Region. Das Land mit mehr als 19 Millionen Einwohnern hat das höchste Pro-Kopf-Einkommen in Südamerika. Die Armut konnte in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gesenkt werden. Aber Chile leidet auch unter großer sozialer Ungleichheit. Weite Teile des Gesundheits- und Bildungswesens sind privatisiert, immer mehr Menschen fühlen sich abgehängt. Vor zwei Jahren gingen über Wochen hinweg jeden Tag Tausende auf die Straße, um soziale Reformen und den Rücktritt von Präsident Sebastián Piñera zu fordern.

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Die Wahllokale haben um 18:00 Uhr (22:00 Uhr MEZ) geschlossen. Insgesamt waren rund 15 Millionen Menschen wahlberechtigt.


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