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Heimische Groß-“Gras“-Dealer im Darknet aufgeflogen

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„George1580“ stand für Qualität und Zuverlässigkeit, wenn es um Lieferungen von österreichischem Marihuana im Darknet ging. Bis 8. Dezember: Da haben Wiener Drogenfahnder mit Unterstützung des Bundeskriminalamtes und des Eko Cobra fünf Verdächtige festgenommen, die den Shop gleichen Namens im Darknet betrieben. An fünf Standorten in Ostösterreich hatten sie das Marihuana angebaut und über den Postweg verschickt. Seit 2016 wurden so zumindest mehr als 100 Kilo „Gras“ verkauft.

„George1580“ war im Darknet so etwas wie eine lebende Legende, berichtete Nino Kirnbauer vom Wiener Landeskriminalamt am Montag vor Journalisten. Das Marihuana, das der Vendor über Bestellungen auf mehreren Marktplätzen per Post verschickte, zeichnete sich durch hohe Qualität aus. Es hatte durchschnittlich einen Reinheitsgehalt von 20 Prozent. Verkauft wurden ausschließlich Cannabisprodukte aus Eigenproduktion, die aus fünf Plantagen im Wiener und südniederösterreichischen Raum herrührte. 200 bis 400 Pflanzen pro Plantage gab es. Das Unternehmen war logistisch so aufgezogen, dass der Nachschub nie ausging. Alle acht bis neun Wochen wurde geerntet, dabei standen schon die Stecklinge für die nächste Pflanzung bereit.

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Tatsächlich verbargen sich hinter „George1580“ fünf Österreicher: Der Hauptverdächtige war ein 34-jähriger Mann aus Wien-Floridsdorf. Er war der Stratege, kümmerte sich um die Logistik in Sachen Pflanzung und Verpackung, bot die Drogen auf mehreren Marktplätzen im Darknet an und organisierte die Verpackung und den Vertrieb. Ihm halfen ein 39- und ein 34-jähriger österreichischer Staatsbürger, die beiden waren die Gärtner. Eine 33- und eine 48-jährige Österreicherin sorgten sich um die Finanzen - zum Beispiel Rechnungen zahlen oder Gewinne auf mehreren Konten im Ausland deponieren - und mieteten die Räume für die Plantagen an.

Der Versand wurde im Laufe der Jahre immer weiter verfeinert: So wurde das Marihuana in aromaneutralen Briefchen verpackt, mit Crunch-Müsli und entsprechenden Etiketten versehen per Post verschickt. Die Sendungen warfen sie in immer wechselnde Briefkästen. Beim Verpacken ging die Gruppe ebenso professionell vor: „Wir fanden nie einen Fingerabdruck oder eine DNA-Spur auf den Kuverts“, schilderte Kirnbauer. Auch sorgte „George1580“ dafür, dass die Sendungen, die von einem Briefkasten verschickt wurden, unterschiedlich aussahen. In einem Briefkasten wurden so mitunter bis zu 40 Päckchen deponiert.

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Kunden, die aus welchen Gründen auch immer die bestellte Lieferung nicht erhielten, wurde eine Haftung angeboten. „Die Täter hatten höchstes Interesse daran, dass sie ausnahmslos positive Bewertungen hatten“, sagte Kirnbauer. Über die Bewertungen konnten die Ermittler den Dealern auch zumindest rund 9.000 Transaktionen seit 2016 nachweisen, bei denen mindestens mehr als 100 Kilogramm Cannabis mit einem Straßenverkaufswert von mehr als einer Million Euro die Besitzer wechselte. Die Fahnder gehen aber von einer weit höheren Dunkelziffer aus. Aktiv war die Organisation jedenfalls seit 2011. Pro Woche versendeten die Täter nach den Schätzungen der Polizei ein halbes bis ein Kilo Marihuana.

Bei Stammabnehmern deponierten sie die Ware manchmal auch in sicheren Verstecken, ließen sich bezahlen und gaben den Kunden dann via Kryptomails die Koordinaten. Apropos Bezahlung: Diese erfolgte ausschließlich über Kryptowährung - Bitcoins. Dabei standen sie oft stundenlang vor Bitcoinautomaten, um sich die Bitcoins in Euro auszahlen zu lassen. Der Erlös wurde auf ausländischen Konten deponiert.

Die Ermittler hatten die Gruppe schon länger im Visier. Wie sie ihr letztlich im Detail auf die Schliche kamen, wollten die Fahnder nicht erläutern. Am 8. Dezember warteten die Ermittler eine Auslieferungstour ab, bei denen die Täter zur Tarnung auch den fünfjährigen Sohn eines Mitglieds der Gruppe mitnahmen. Die Razzia erfolgte an der Wohnadresse des Haupttäters in Floridsdorf sowie an weiteren Standorten in Wien und in Niederösterreich südlich von Wien, unter anderem im Bezirk Mödling. Dabei stellten sie mehrere Kilo Cannabis, zwei Aufzuchtanlagen, einen höheren fünfstelligen Bargeldbetrag, einen neuen ausbezahlten 4er-BMW, drei legal besessene Faustfeuerwaffen, eine Kalaschnikow (AK 47), eine weitere Langwaffe sowie weitere verbotene Waffen wie Schlagringe, Messer und Totschläger sicher.

Die drei Männer gingen in Untersuchungshaft, die beiden Frauen wurden auf freiem Fuß angezeigt. Ausbezahlte Eigentumswohnungen und Autos des höherpreisigen Segments hätten sich die Mitglieder der Bande wohl ohne die illegalen Geschäfte nicht leisten können. So arbeitete der Hauptverdächtige zuletzt auf geringfügiger Basis in der Gastronomie, davor im Sicherheitsbereich. Zwei weitere Verdächtige empfingen Sozialhilfe. „Wir haben den Kaufvertrag für das Auto und praktisch daneben den Lohnsteuerausgleich gefunden. Wenn der Kaufvertrag für das Auto etwa 20 mal so hoch wie der Lohnsteuerausgleich ist, kann man davon ausgehen, dass da etwas nicht passt“, schilderten die Ermittler. Die legalen Faustfeuerwaffen dürften überhaupt mit den früheren Tätigkeiten der mutmaßlichen Dealer zu tun haben. Gesprächig waren die Verdächtigen bisher kaum. Sie dürften darauf warten, was ihnen an Beweisen vorgelegt wird.

Daniel Lichtenegger, Leiter des Büros für Suchtmittelkriminalität im Bundeskriminalamt, sagte, Drogenhandel über das Darknet und der Versand per Post ist generell ein großes Thema für die heimischen Fahnder. Allein in der Post-Zentralverteilstelle in Wien-Liesing, werden pro Jahr rund 3.000 Sendungen mit Drogen aus dem Verkehr gezogen. „Wir arbeiten hier eng mit dem Zoll zusammen“, sagte Lichtenegger. Die Hauptpriorität der heimischen Ermittler sind Vendoren, die von Österreich aus operieren und von hier aus ihre Produkte verschicken. Daneben geht es um ausländische Verkäufer, die nach Österreich liefern und Abnehmer hierzulande, welche die Suchtmittel oft auch weiterverkaufen.

Lichtenegger warnte davor, dass sich Drogengeschäfte auch immer mehr auf Messengerdienste wie Telegram und Snapchat verlagern. „Wir gehen davon aus, dass überall dort Suchtmittel verkauft werden, wo sie auch verkauft werden können“, sagte der BK-Fahnder. Das geht bis hin zu den Kommunikationskanälen von Spielkonsolen.


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