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Von Litauen bis Israel: Der Roman „Babylonisches Repertoire“

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Dieser Roman geht aufs Ganze. Das lässt schon sein über 500 Seiten reichender Umfang vermuten, doch erst das 27 Namen umfassende Personenregister gleich zu Beginn macht sicher: Gabriel Wolkenfelds „Babylonisches Repertoire“ erfordert viel Übersicht und Ausdauer. Wer sich dieser Herausforderung stellt, wird belohnt - mit exotisch anmutenden Schauplätzen und skurrilen Figuren. Dabei handelt es sich bloß um eine „ganz normale“ jüdische Familiensaga.

Gabriel Wolkenfeld wurde 1985 in Berlin geboren und absolvierte während seines Studiums der Germanistik, Russistik und Literaturwissenschaft Aufenthalte in Estland, Russland und der Ukraine. In seinem Debütroman „Wir Propagandisten“ (2015) ließ er - wohl zum Teil auf eigene Erlebnisse zurückgreifend - einen schwulen jungen Slawisten nach Jekaterinburg reisen, um Deutsch zu unterrichten, ausgerechnet als ein neues Gesetz in Kraft tritt, das „homosexuelle Propaganda“ verbietet.

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In seinem zweiten Roman ist nun die vorübergehende Beziehung des jungen Israelis Yair zu dem aus Deutschland stammenden Wolfgang im Tel Aviv der Gegenwart ein Handlungsstrang, zu dem das Buch immer wieder zurückkehrt. Yair besucht regelmäßig seinen in einem Seniorenwohnheim lebenden Großvater Avigdor, um dessen Leben es vor allem geht. Erzählt wird dieses Leben freilich nicht von Avigdor selbst, denn dieser ist so gut wie verstummt. Ob es sich dabei um Kommunikationsverweigerung oder eine Demenzerscheinung handelt, darüber herrscht ebenso Uneinigkeit wie über den Grad seiner Aufnahmefähigkeit. „Babylonisches Repertoire“ ist in vieler Hinsicht kein einfaches Buch. Der Titel bezeichnet übrigens Yairs hingebungsvolle Tanzvorführungen zum Purimfest, bei denen er manchen Verwandten schon als Bub Anlass zu Spekulationen über seine künftige sexuelle Orientierung gab.

Nicht einfach, aber lohnend: Dass man „Babylonisches Repertoire“ auf diese Kurzformel bringen kann, verdankt sich auch seinen Schauplätzen, die in zeitgenössischen deutschen Romanen eher rar sind. Neben dem heutigen Israel (mit seinen Bedrohungen durch Hamas-Raketen) begegnet der Leser dem jüdischen Leben in Litauen zum Zeitpunkt der baltischen Sowjetrepubliken, aber auch der usbekischen Hauptstadt Taschkent und der Stadt Nischni Nowgorod, die vor dem Zerfall der Sowjetunion Gorki hieß. Es geht um das Schicksal einer ostjüdischen Familie, die zunächst vor den Deutschen fliehen musste, dann antijüdische Repressionen in der Sowjetunion erlitt, ehe sie schließlich nach Israel auswandern durfte.

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Doch „Babylonisches Repertoire“ ist keine Leidens- und keine Verfolgungsgeschichte. Dazu sind die Figuren zu stark und zu schillernd. Vor allem die Frauen. Die üppige Olympiada etwa, Avigdors zweite Frau, die sich gerne selbst zum Geschenk macht, dafür aber genauso gerne Gegengeschenke annimmt. Oder das schlaue Waisenkind Danuta, Anführerin einer jugendlichen Diebesbande auf den Märkten von Taschkent. Oder Avital, Yairs selbstbewusste Schwester, seine wichtigste Bezugsperson. Zwischen ihnen springt Gabriel Wolkenfeld genauso gerne hin- und her wie zwischen Schauplätzen und Zeitebenen. Das zerreißt ein wenig die Narration und lässt den Roman in Episoden und Geschichten zerfallen. Aber gerade darin liegt vielleicht sein Reiz - wie auch in der Liebe, die Yair seinem „Saba“, seinem Opa entgegenbringt. Und sich dabei all das zusammenreimt, was dieser ihm nicht mehr selbst erzählen kann oder möchte.

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