Elbphilharmonie feiert fünften Geburtstag

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Mit der Hamburger Elbphilharmonie wurde am 11. Jänner vor fünf Jahren der wohl spektakulärste Kulturneubau des noch jungen Jahrtausends eröffnet. Das nutzt man an der Elbe für eine Jubiläumswoche. „Natürlich ist ein fünfjähriges Jubiläum noch nicht wirklich ernst zu nehmen. Aber uns ist jeder Grund zu feiern recht“, zeigte sich der aus Wien stammende Intendant Christoph Lieben-Seutter im APA-Gespräch gewohnt selbstironisch. Jetzt muss nur noch die Corona-Lage halten.

Thematisch habe er einen gewissen Querschnitt durch das Elbphilharmonie-Programm ziehen wollen, so Lieben-Seutter, „denn musikalisch ist unser Programm immer jubiläumswürdig“. Den Auftakt am 9. Jänner stellt Jörg Widmanns einst zur Eröffnung geschriebenes Oratorium „Arche“ dar, das Kent Nagano und das Philharmonische Staatsorchester Hamburg gestalten. Am eigentlichen Jubiläumstag, dem 11. Jänner, zeichnet dann das NDR Elbphilharmonie Orchester unter Chefdirigent Alan Gilbert mit Pianist Kirill Gerstein für das Festkonzert verantwortlich. Und die weiteren Programmpunkte erstrecken sich vom US-Jazzsaxofonisten Charles Lloyd mit seinem Quartett über die Staatskapelle Berlin unter Simon Rattle respektive Daniel Barenboim bis hin zum Residenzensemble der Elbphilharmonie, dem Ensemble Resonanz.

Fix auf den 28. April verschoben werden musste indes die eigentlich geplante performative Außenskulptur des niederländischen Künstlerduos Drift, da man angesichts der aktuellen pandemischen Lage nicht zu großen Menschenansammlungen vor Ort einladen wolle, so Lieben-Seutter. Und sollten in Deutschland Veranstaltungen im Jänner überhaupt untersagt werden, dann werde man zumindest einen Teil der Konzerte streamen.

Diese Flexibilität hat man wie alle Institutionen in den vergangen zwei Jahren gelernt. Dabei erweist sich das neue Elbphilharmonie-Publikum als treu. Auch in Hamburg hätten die Sprechtheater bezüglich der Auslastung in Coronazeiten durchaus Probleme, was aber im Falle der Elbphilharmonie anders gelagert sei, so Lieben-Seutter: „Seit einigen Wochen spielen wir wieder vor vollem Haus.“ Das liege auch an der klassischen Musik als solches, zeigte sich der Musikmanager überzeugt: „Konzerte sind in Krisenzeiten etwas tröstlich Beruhigendes. Und sie sind gerade in der Elbphilharmonie mit ihrer Architektur ein Gemeinschaftserlebnis, das uns allen fehlt.“

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Insgesamt zählte man rund 2,7 Millionen Konzertfreunde zwischen der Eröffnung des Prachtbaus auf dem alten Kaispeicher am 11. Jänner 2017 und dem Coronastillstand im März 2020 - die bald 15 Millionen Besucher auf der Aussichtsplattform nicht mitgerechnet. „Wir haben in kurzer Zeit ein Stammpublikum für klassische Musik in Hamburg herangezogen“, freute sich der Generalintendant. So hat man die Zahl der Konzertgäste aus der Metropolregion im Vergleich zu Zeiten vor der Eröffnung verdreifacht. Zog die historische Laeiszhalle einst rund 400.000 Menschen pro Jahr an, waren es in Kombination mit der Elbphilharmonie in der letzten vollen Vor-Covid-Saison 2018/19 rund 1,25 Millionen.

Und auch wenn man das Alter der Besucher zwar nicht detailliert erfasse, gehe er dennoch bezüglich des Altersschnitts davon aus, dass man diesen im Vergleich zur Laeiszhalle um 15 Jahre gesenkt habe. Anders sehe dies bei der Frage der Diversität des Publikums aus, bestehe dieses doch immer noch überwiegend aus der weißen Mittelschicht. „Die Vielfalt der Hamburger Bürgergesellschaft bildet sich noch nicht ausreichend bei uns ab“, so Lieben-Seutter.

Was sich durch Corona indes vollends geändert habe, sei die Art, wie weit im Voraus Karten gekauft würden. Menschen würden derzeit primär sehr kurzfristig oder sehr langfristig buchen, so Lieben-Seutter. Momentan habe das in der Gesamtbilanz aber keinen Niederschlag gefunden: „Unsere Auslastung liegt praktisch immer bei 100 Prozent.“ Angesichts der Coronahilfen der öffentlichen Hand und der allgemeinen Jahressubvention von 6 Mio. Euro sei man deshalb finanziell gut aufgestellt und habe die einst gewährte Anschubfinanzierung gar nicht in Anspruch nehmen müssen. „Wir haben diese 5 Mio. Euro immer noch - die haben wir nicht angerührt. Die sind für schlimmere Zeiten.“

Mit der Gestaltung des vom Schweizer Büro Herzog & de Meuron konzipierten Baus sei er jedenfalls auch im praktischen Betrieb sehr zufrieden. Das in der Presse immer wieder ventilierte Problem von Treppenstürzen unter den Gästen habe man etwa durch bessere Markierungen in den Griff bekommen, auch wenn diese nie ganz auszuschließen seien: „Wenn 900.000 Menschen Konzerte besuchen, stolpern ein paar. Das ist eine Frage der Statistik.“ Und die von manchen Künstlern anfangs kritisch beohrte Akustik sei mittlerweile etabliert. „Die meisten Künstler waren mehrfach da und haben sich daran gewöhnt. Das ging auch den berühmtesten Sälen in deren Anfangsjahren so.“

Und wenn es nach dem seit 2007 als Generalintendant im Hamburg amtierenden Musikmanager geht, wird er persönlich auch noch mehr als nur die Anfangsjahre der Elbphilharmonie verantworten. Sein Vertrag an der Elbe wurde bereits kurz nach der Eröffnung des Konzertbaus bis Mitte 2024 verlängert. Und wenn es nach dem 57-jährigen Wiener geht, müsste es dabei auch nicht bleiben. „Wenn mich die Hamburger wollen, bleibe ich gerne auch noch etwas länger.“ Was im anderen Fall auf der Agenda stünde, könne er jetzt noch nicht sagen, aber: „Ich habe keine Ambitionen mehr, ein ähnlich großes Haus zu leiten.“

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)


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