Linzer OK-Gründer Martin Sturm sagt Adieu

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Nach 30 Jahren verabschiedet sich Martin Sturm mit April als Leiter des Offenen Kulturhauses (OK) Linz in die Pension. Der Aufbau eines Hauses für „zeitgenössische Installationskunst“ in den 1990er-Jahren sei „bahnbrechend in Österreich“ gewesen, meint er rückblickend im Gespräch mit der APA. Allerdings nicht ohne Frustration, weil das Publikum anfangs nicht kam. Erst mit der europäischen Kulturhauptstadt Linz09 änderte sich dies. Die Zukunft des OK ist derzeit offen.

„Ein großes Haus der Entwicklung der zeitgenössischen Installationskunst zu widmen“, bezeichnet Sturm heute als ein „geglücktes Experiment“. Denn „der Aufbau eines sehr künstlerorientierten Produktionshauses zu einer Zeit, wo die Museen überhaupt noch nichts damit anfangen konnten, wenn Künstler oder Künstlerinnen installative oder raumbezogene Arbeiten in klassischen Ausstellungsräumen machen wollten“, sei in den 1990er-Jahren ein Wagnis gewesen. „Diese Art von zeitgenössischer Kunst auch zu befördern durch eine gute Infrastruktur“, findet der heute 64-Jährige durchaus „bahnbrechend in Österreich“.

Als nächsten wichtigen Entwicklungsschritt in der Genese des OK sieht er die Europäische Kulturhauptstadt im Jahr 2009. Das OK sei „aus dem klassischen Raum hinaus in den öffentlichen bzw. halböffentlichen Raum“ gegangen, und habe mit dem Höhenrausch „auf den Dächern ein ganz eigenes Format entwickelt“. Damit wurde endlich auch ein breites Publikum erreicht. Anfangs sah sich Sturm durchaus „als Partner der Künstler und Künstlerinnen, um neue Arbeiten zu produzieren. Es kommt aber unweigerlich die Zeit, wo man sich natürlich fragt, wie kann ich auch ein größeres Publikum erreichen“. Er habe immer das Gefühl gehabt, dass „die installative Kunst durchaus auch niederschwellig ist, da sie ja quasi eine Ganzkörpererfahrung ist und nicht nur akademisch zu begreifen ist“. Aber das Haus habe das Publikum nicht erreicht, „weil wir in dieser Nische Gegenwartskunst waren. Das war wirklich eine große Frustration“, beschreibt er das Gefühl Anfang der 2000er-Jahre.

Linz09 bot „die einmalige Gelegenheit aus dem Windschatten der großen, traditionsorientierten Kultur, wofür Wien und Salzburg stehen, herauszutreten und daneben neue Formate zu entwickeln. Nicht zufällig ist ja auch die Ars Electronica in Linz gestartet. Zudem drängten auch die Künstler und Künstlerinnen in den öffentlichen Raum“. Daraus entstand der Höhenrausch: 4.000 Quadratmeter Flachdächer in Linz, die nicht genutzt wurden und „die direkt von unserem Kunsthaus erreichbar sind“, wurden ab 2009 für viele Jahre bespielt. Erst heuer fiel die Entscheidung, den Höhenrausch nicht mehr fortzusetzen.

Persönlich waren für den gebürtigen Gmundner vor allem zwei Ausstellung wichtig. Als „Schlüsselerlebnis“ bezeichnet er „die erste große Einzelausstellung mit Candice Breitz aus Südafrika Anfang der 2000er-Jahre. „Das war ein beglückender Moment, weil sie als Künstlerin und Mensch so viel zu sagen hatte“. Die zweimalige Zusammenarbeit mit der „unglaublichen japanischen Nebelkünstlerin Fujiko Nakaya“ ist sein anderes Highlight. Die 88-Jährige hat dieses Jahr im Frühjahr eine große Einzelausstellung im Haus der Kunst in München, merkt er an.

Generell sei das OK immer international auf der Suche nach Künstlern gewesen, die mit so großen öffentlichen Räumen umgehen können. „Die sind ja auch nicht so reich gesät.“ Trotz internationaler Orientierung habe er aber immer auch versucht, etwas für die regionalen Künstler zu tun. „Wir wollten eine Achse bilden, die lokalen Künstler nicht unter sich lassen, sondern sie in interessante internationale Kontexte bringen. Das ist meiner Meinung nach auch gelungen.“

Über die Zukunft des OK nach der Ära Sturm äußert sich der Noch-Leiter nur vage. Ob und wann seine Stelle nachbesetzt wird, könne er nicht sagen. Denn noch ist unklar, ob sich das Haus vollkommen in der 2020 geschaffenen OÖ Landeskultur GmbH als Rechtsnachfolger des Landesmuseums und des Kulturquartiers (mit OK und Ursulinenhof) unter dem Chef Alfred Weidinger einfügt. Mit dem Geschäftsführer gebe es „einen konstruktiven Übergang, er wird sein Konzept entwickeln, in das ich mich nicht mehr einmische. Ich habe jetzt 30 Jahre mein Ding gemacht“. Weidinger als „ausgewiesener Experte der zeitgenössischen Kunst wird den Focus des OK auch weiterhin darauflegen“, meint Sturm.

Seine Pläne für die Zeit nach dem OK sind auch noch etwas unkonkret: „Ich komme sozusagen nach der Pflicht jetzt in den Kürbereich und kann mir Dinge aussuchen. Ich möchte schon aktiv bleiben mit dem einen oder anderen Projekt. Ich werde sicher der Kunst verbunden bleiben und ich bleibe auch in Oberösterreich.“

Seine zwei vergangenen Pflichtjahre waren unweigerlich von Corona bestimmt. „Es gibt einen Aspekt von Corona, der meiner Meinung nach zu wenig beleuchtet wird und den ich für katastrophal halte. Die kreative Begegnungsform, die die Kunst braucht, wird so reduziert. Ich weiß, dass es die Debatte gibt, die digitalen Künste zu befördern, das ist auch durchaus interessant. Das ist aber nicht die Alternative zur Kunstproduktion, die braucht immer auch die körperliche Präsenz der Künstler miteinander und mit dem Publikum.“ Sturm wünscht sich jedenfalls, dass „eine unaufgeregte, vernünftige Form gefunden wird“, mit der Pandemie umzugehen.


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