Musical „The Dead Class“ im WUK: Unterricht in Schulmassaker

  • Artikel
  • Diskussion

Mangelnde Neugier und Experimentierfreude kann man der freien Gruppe toxic dreams nicht vorwerfen: „The Bruno Kreisky Lookalike“ war 2019 eine Nestroy-preisgekrönte mehrteilige Theater-Sitcom, „After the End and Before the Beginning“ (2021 für einen Nestroy nominiert) eine Videoinstallation im Theatermuseum. Die neue Produktion „The Dead Class“ hat man als Musical konzipiert. Am Montagabend war im WUK in Wien-Alsergrund Premiere.

Formal erinnert das von Regisseur Yosi Wanunu selbst geschriebene Stück ein wenig an Nigel Williams‘ „Klassen Feind“, einem an der Berliner Schaubühne zur Deutschsprachigen Erstaufführung gebrachten Bühnen-Hit der 1980er-Jahre. Auch dort ist eine Gruppe von Schülern in einem Klassenzimmer versammelt, im zunächst heroischen Bewusstsein, vom System aufgegeben worden zu sein. Traut sich im „Klassen Feind“ jedoch kein Lehrer mehr in die Klasse, betritt in „The Dead Class“ gleich zu Beginn eine Lehrkraft schwungvoll den Raum, in dem fünf Burschen warten. „Seid ihr die Klasse, die ihre Klasse umbringen will?“, fragt er (wie in der ganzen Produktion auf Englisch). „Ich werde euch zeigen, wie man das richtig macht!“

Ein starker Beginn. Es handelt sich jedoch nicht um eine „shooting class“, sondern um eine „manifesto class“. Der Lehrer (gespielt von Markus Zett) leitet die zornigen jungen Männer also dazu an, wie sie ihre geplante Tat medial richtig vorbereiten, nicht, wie sie diese technisch umsetzen. Es geht darum, die Wut so zu verbalisieren, dass das Massaker die größtmögliche Wirkung in der Gesellschaft entfachen kann. Selbstdarstellung, Mitgefühl und gute Argumentation sind die Waffen, die es braucht, will man noch als Täter einen Nachruhm als Opfer (der Gesellschaft, der Erziehung, des Systems etc.) beanspruchen.

Eine sechsköpfige Live-Band begleitet das Geschehen in dem von Paul Horn mit einer aufblasbaren Plastik-Polster-Wand umgebenen Klassenraum. Viel Elektronik ist da im Einsatz, doch Komponist Martin Siewert kann sich nicht so recht für eine musikalische Generallinie entscheiden. Seine Musik treibt nicht an (was angesichts des dramatischen Stoffes wichtig wäre), sondern untermalt. Sie liefert den fünf Burschen Songmaterial, in immer wieder neuen Anläufen ihre Situation und Motivation zu schildern. Und weil in jedem Durchgang jeder drankommen muss, dreht sich das Ganze bald im Kreis. Die 105 Minuten ermüden eher, als einen aufzurütteln und bangen zu lassen: Werden sie wirklich zu den Waffen greifen?

Gewinnspiel: Jahresabo für Body & Soul

TT-ePaper 4 Wochen gratis ausprobieren, ohne automatische Verlängerung

Dabei hätten es die fünf jungen Darsteller durchaus drauf: Vladimir Cabak, Johannes Deckenbach, Tobias Resch, Jonas Tonnhofer und Marko Trajkovski spielen gut und singen passabel. Es gelingt ihnen glaubhaft, aus der von Yosi Wanunu aus theoretischen Schriften und Attentäter-Manifesten destillierten Gemengelage an Motiven unterschiedliche Charaktere herauszuschälen, die ihre Hoffnungs- und Aussichtslosigkeit gemeinsam mit einem großen Knall beenden wollen. Keine Freundin und keine Freunde, Mobbing und soziale Benachteiligung, zu wenig Zuwendung und zu viel Langeweile - das und noch mehr wird vom Lehrer mit markigen Sprüchen aus den Burschen rausgekitzelt, die unter ihren adretten Schuluniformen T-Shirts mit Sprüchen wie „Humanity is overrated“ oder „Born to kill“ tragen.

Am Ende läutet die Pausenglocke. Die Lektion ist aus, und man weiß nicht so recht, was man vom gebotenen Stoff „mitnehmen“ soll. Eine typische Schulerfahrung eben. Nur derart kräftigen Schlussapplaus kann man sich eindeutig eher im Theater als im wirklichen Leben einholen.

)


Kommentieren


Schlagworte