Thomas Maurer als „Zeitgenosse aus Leidenschaft“ bejubelt

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Thomas Maurer will alles richtig machen: gendern, woke sein, kein Suchtverhalten zeigen, mit dem Autofahren aufhören. Aber weil der Mensch halt nur über ein begrenztes Maß an schlechtem Gewissen zu verfügen scheint, lebt es sich dann doch ganz bequem als „Zeitgenosse aus Leidenschaft“. Als solcher präsentiert sich der Kabarettist gemäß dem Titel seines neuen Programms, das am Dienstagabend im Wiener Stadtsaal seine heftig akklamierte Premiere feierte.

Maurer ist ein Vielschreiber und -spieler, der seit gut drei Jahrzehnten alle ein bis zwei Jahre ein neues Solo auf die Bühne bringt. Sein bisher letzter Wurf „Woswasi“ hatte Anfang 2020 Premiere. Dann kam die Pandemie und sorgte für monatelange Auftrittssperren oder - im besten Fall - für halbvolle Säle. Nun steht mit dem Start der neuen Tour die Omikron-Welle vor der Tür. Und es ist Maurer und dem Publikum zu wünschen, dass es dieser äußerst lustige wie geistreiche Abend trotzdem auf möglichst viele Vorstellungen bringt.

In „Woswasi“ beschäftigte sich der Satiriker mit den Mechanismen der menschlichen Unvernunft und ließ sich dafür von dem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken“ des Psychologen Daniel Kahnemann inspirieren. Eine wissenschaftliche Klammer gibt es im Nachfolgeprogramm nicht - der Irrationalität wird trotzdem viel Platz eingeräumt. Der 54-Jährige mäandert in Stand-up-Manier durch eine breite Themenlandschaft. Es geht um Political Correctness, die Azteken, Jeff Bezos und SUVs, die wie „Werkfahrzeuge am Todesstern“ anmuten. Maurer, der mit Ausnahme eines schwarzen Sessels völlig ohne Requisiten oder sonstigen Inszenierungs-Schnickschnack auskommt, springt flott und scheinbar willkürlich durch Geschichte und Gegenwart.

Ein roter Faden lässt sich da schwer ausmachen, und doch verdichten sich die einzelnen Episoden im Laufe des zweistündigen Abends zu einer Bestandsaufnahme eines Gegenwartsgefühl mit der Erkenntnis, dass vieles absolut falsch läuft, sich aber trotzdem wenig ändert - im großen Weltgeschehen genauso wie im kleinen eigenen Leben. So wundert sich Maurer, warum er mit brennender Zigarette und Leberkässemmel im Auto sitzt, obwohl er ja eigentlich das Autofahren sein lassen wollte, mit dem Rauchen aufgehört hat und kein Fleisch mehr ist. Die Anforderungen an einen Zeitgenossen sind eben komplex.

Die Tagespolitik hat Maurer schon länger an die Staatskünstler, dem Satirekollektiv mit Robert Palfrader und Florian Scheuba, ausgelagert. Im zweiten Teil seines Solos streift er sie dann doch kurz - ebenso wie das unausweichliche Coronathema, wenn er den Tiroler Freiheitskämpfer Andreas Hofer als Impfgegner zu Wort kommen lässt.

Auch wenn einige Schmähs über die auch andernorts so oft bemühte salonlinke Bobo-Bubble in Wien-Neubau oder über gendergerechte Sprache etwas abgegriffen wirken, gelingen Maurer immer wieder starke Bilder und Bezüge. Waren die Azteken mit ihren kannibalistischen Ritualen wirklich um so vieles grausamer angesichts der Tausenden Menschenopfer, die der Bau des Fußball-WM-Stadions in Katar gefordert hat? Wie ist es angesichts von Globuli und Schüsslersalz um die Aufklärung bestellt? Was würde Beethoven, dessen 6. Sinfonie einst von der schönen Landschaft im Süden Wiens inspiriert wurde, wohl heute komponieren, würde man seinen Klon an der Raststation am Knoten Guntramsdorf aussetzen? Überhaupt die dank Shoppingtempeln und Gewerbeparks um sich greifende Bodenversiegelung: „So sieht das Anthropozän aus, wenn der Baumeister der Schwager vom Bürgermeister ist.“

Was also tun angesichts der Zumutungen der Gegenwart und des Ausblicks auf die Klimakatastrophe? Am Ende entwirft der Kabarettist eine Vision: Die Multimilliardäre werden es schon richten - allein schon aus Eigeninteresse. Denn die Reichen brauchen die Menschheit auch weiterhin als einträgliche Konsumentinnen und Konsumenten. Und der „Zeitgenosse aus Leidenschaft“ kann es sich weiterhin bequem machen. Alles richtig machen schaut anders aus.

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