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Jedermann Lars Eidinger kommt mit Fotoausstellung nach Wien

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Lars Eidingers erste künstlerische Ausdrucksform war das Fotografieren. Die ALBA Gallery in Wien-Wieden zeigt ab 9. Februar eine Ausstellung seiner Fotos, darunter auch das Erstlingswerk des damals Sechsjährigen. Ohne Theater könne er aber nicht leben, sagte der Schauspieler im APA-Interview in Paris. Seiner zweiten Jedermann-Saison blicke er „voller Vorfreude“ entgegen, und auch Hollywood hat schon angerufen. Eidinger spielt nämlich im neuen Netflix-Film Noah Baumbachs mit.

Der auch als DJ tätige Eidinger wehrt sich dagegen, in eine künstlerische Schublade gesteckt zu werden. Zwar verstehe er, warum er als „der Schauspieler“ angesehen werde, doch empfinde er sich nicht so. „Ich sehe mich nicht als Schauspieler. Ich sehe mich als Künstler. Ich habe am Theater festgehalten, weil ich (dort, Anm.) am meisten Bestätigung erhalten habe“, betonte er. Tatsächlich war er eher zufällig zum Theater gekommen, und zwar nach einer unerwartet bestandenen Aufnahmeprüfung beim deutschen Reinhardt-Seminar-Pendant, der Ernst-Busch-Schule.

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Mit der Fotografie beschäftigte sich Eidinger hingegen seit frühester Kindheit. „Als Kind habe ich am Berufsinformationszentrum Berlin ein Multiple-Choice-Formular ausgefüllt. Am Ende wurde einem ein Beruf empfohlen. Bei mir war es der Fotograf“, erzählt er. Als Kunst habe er die Fotografie aber erst mit 23 Jahren nach dem Besuch der Ausstellung „How you look at it“ im Frankfurter Städel Museum erkannt. 2020 brachte Eidinger seinen ersten Bildband mit eigenen Werken heraus. Dessen Titel „Autistic Disco“ hatte er für seine DJ-Abende geprägt und verwendet ihn nun auch für seine Fotoausstellungen.

Wie im Schauspiel interessiert Eidinger auch in der Fotografie das Unmittelbare und Unverfälschte. „Die Sachen, die ich fotografiere, sind nicht inszeniert. Ich suche auch nicht danach, die finde ich so vor. Ich habe keinen Einfluss darauf, ich manipuliere die nicht“, erläutert er seinen Zugang. Sein erstes Foto fällt diesbezüglich etwas aus dem Rahmen. Mit sechs Jahren hatte er seinen Goldhamster in eine leere Klopapierrolle gesteckt, auf den Couchtisch gestellt und fotografiert. Der Opener des Bildbandes „Autistic Disco“ wird in der ALBA Gallery im Großformat (1 x 1 Meter) gezeigt, so Eidinger. Insgesamt sind etwa 40 bis 50 Fotografien zu sehen. Entstanden sei die Ausstellung, weil die Wiener Galerie auf die Schau „Klasse Gesellschaft“ in der Hamburger Kunsthalle aufmerksam geworden sei. Eidingers Fotos sind dort gemeinsam mit Bildern alter niederländischer Meister zu sehen.

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Wie viel Bestätigung Eidinger als Theaterschauspieler bekommt, zeigte sich kürzlich am Pariser Theater „Les Gémeaux“. Eine ausverkaufte Gastspielreihe der Schaubühne Berlin musste coronabedingt kurzfristig abgesagt werden, doch ließen es sich Eidinger und Regisseur Thomas Ostermeier nicht nehmen, ihren „Richard III.“ als Zwei-Mann-Improvisation darzustellen. Die Improvisation war „aus der Verzweiflung heraus geboren, dass wir uns sehr auf dieses Gastspiel gefreut haben“, so Eidinger. „Es war wirklich im besten Sinne aus der Not eine Tugend zu machen“, doch nicht ohne Risiko. Nach einem euphorischen ersten Abend sei der zweite „ein absolutes Desaster“ gewesen. „Das war schwer auszuhalten, dass man vor 500 Leuten zu keinem Ergebnis kommt und sich in Konflikt begeben muss.“ Am dritten Abend standen Schauspieler und Regisseur noch sichtlich unter dem Eindruck des als verpatzt empfundenen Vorabends. Das Publikum bekam jedenfalls einen einzigartigen Einblick in die Art und Weise, wie sich die beiden ihr seit 2015 gezeigtes Erfolgsstück immer wieder aufs Neue erarbeiten.

Zwar kam Eidinger mit Filmengagements gut durch die Pandemie, doch ließ ihn die Zeit der geschlossenen Bühnen den Wert des unmittelbaren Kontakts mit dem Publikum erkennen. „Ich habe gemerkt, wie sehr mir das fehlt.“ Deshalb könne er nun sagen, „dass ich ohne Theater nicht leben kann“. Auch in Wien würde er gerne auftreten. „Klar, ich würde wahnsinnig gerne einmal am Burgtheater spielen“, doch sei er Ensemblemitglied der Schaubühne Berlin, weswegen derzeit nur Gastspiele möglich seien.

Auf seine zweite Saison als Jedermann bei den Salzburger Festspielen blickt Eidinger mit großen Erwartungen. „Ich bin vor allem voller Vorfreude auf dieses Jahr, auch weil ich weiß, dass das Ensemble das gleiche bleibt“, betont er. Es sei eine „schöne Erfahrung innerhalb der Gruppe“ gewesen, „sehr zugewandt, spielfreudig und aufgeschlossen“. Zugleich will Eidinger seine Darstellung des sterbenden (reichen) Mannes weiterentwickeln. „Ich glaube, was für mich noch nicht so richtig gelöst war letztes Jahr, das war die Frage danach, was passiert am Ende eigentlich? Wie setzt diese Läuterung ein? Was bedeutet der Glaube am Ende?“, sagt er. „Ich will dieser Frage noch einmal neu begegnen, das habe ich mir vorgenommen.“

Während in Frankreich sein Film „Persischstunden“ in den Kinos läuft, präsentiert Eidinger Mitte Februar bei der Berlinale seinen neuen Film „A propos de Joan“, in dem er mit Isabelle Huppert ein Liebespaar spielt. „Es ist ein Lebenstraum, der in Erfüllung gegangen ist“, beschreibt Eidinger seine erste Rolle mit der französischen Theater- und Filmikone. „Für mich ist sie tatsächlich ‚die‘ Schauspielerin, die erste, an die man denkt.“ Auch werde er bei der Berlinale die Laudatio halten, wenn Huppert für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wird.

„Ich bin mir fast sicher, dass es keinen Schauspieler gibt, der nicht den Traum hat, in Hollywood zu arbeiten“, sagt Eidinger auf eine entsprechende Frage. Ihm selbst ist das bereits geglückt, denn er spielt im neuen Netflix-Film des US-Regisseurs Noah Baumbach („Marriage Story“) an der Seite von Adam Driver und Greta Gerwig. „Es war im Grunde so, wie man es sich vielleicht erträumt oder erhofft, dass Hollywood plötzlich anruft“, erzählt Eidinger. Baumbachs Frau Gerwig habe ihn nämlich als Hamlet an der Schaubühne Berlin gesehen, Freunde Baumbachs als Richard III. in New York. So sei der US-Regisseur auf ihn aufmerksam geworden und habe ihn gebeten, ein Selftape (aufgezeichnete Audition) zu schicken. „So habe ich diese Rolle bekommen“, sagt er mit Blick auf den unter den Arbeitstiteln „White Noise“ und „Wheat Germ“ bekannten apokalyptischen Streifen, der noch heuer gezeigt werden soll.

Politisch treibt Eidinger auch die Manipulationsanfälligkeit der Menschen um, die sich besonders im Stück „Richard III.“ zeigt. „Es geht bei Richard III. nicht um die Inkarnation des Bösen, sondern zu zeigen, wie leicht wir es ihm machen“, betont er. Aus diesem Grund lehnt er auch eine Aktualisierung von klassischen Stücken ab. „Ich finde, das limitiert das Stück. Es ist zu einfach zu sagen, Richard ist Donald Trump, (Sebastian) Kurz, wer auch immer.“ Vielmehr sollen sich die Zuschauer fragen, „welchen Anteil habe ich daran?“, so Eidinger, der gleichwohl nichts mit dem Vorschlag seines Freundes, des Berliner Rechtsanwalts und Autors Ferdinand von Schirach anfangen kann, Politiker dazu zu verpflichten, die Wahrheit zu sagen. „Es gibt sie, denke ich, nicht: DIE Wahrheit.“ Der Mensch sei nämlich „ein ambivalentes Wesen“ und es seien auch „immer die herausragenden großen Persönlichkeiten“ gewesen, „die anders gedacht haben“ und die man früher noch habe „Querdenker“ nennen können, so Eidinger.

(Das Gespräch führte Stefan Vospernik/APA)


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