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Verschollene Vorträge von Harnoncourt als Podcast

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Es ist ein wahrer Schatz, der nur durch Zufall gehoben wurde: Im Zuge einer anderen Anfrage von Alice Harnoncourt, der Witwe des 2016 verstorbenen Nikolaus Harnoncourt, stieß Radio Bremen vor zwei Jahren auf bisher unbekannte Audio-Mitschnitte von Vorträgen des Dirigenten aus den 1970er-Jahren. Die mittlerweile 91-Jährige hörte sich durch das 30 bis 40 Stunden umfassende Material und kam zu dem Schluss, dieses der Öffentlichkeit zugänglich machen zu wollen: als Podcast.

Unter dem Titel „Harnoncourts Klang-Reden“ stellt Alice Harnoncourt - gemeinsam mit ihrem verstorbenen Mann Pionierin der historischen Aufführungspraxis und Mit-Gründerin und langjährige Konzertmeisterin des Concentus Musicus Wien - das damals Gesagte im Gespräch mit Ö1-Redakteurin Judith Hoffmann in einen Kontext. Ab kommendem Montag bieten die beiden in zehn Episoden unterhaltsame Einblicke in die Gedankenwelt des Experten für Alte Musik, Ausschnitte daraus werden darüber hinaus immer montags im „Ö1 Kulturjournal“ (17.09 Uhr) präsentiert.

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Der Titel lehnt sich an Harnoncourts Buch „Musik als Klangrede“ an, eine Buch-Veröffentlichung des gefundenen Materials strebt die Violinistin jedoch nicht an, wie sie im APA-Gespräch unterstrich: „Hier macht es vor allem den Reiz aus, WIE er spricht.“ Auch wenn sie selbst keine Podcasts hört und sich überhaupt dagegen entschieden hat, das Internet zu nutzen, ist sie vom niederschwelligen Podcast-Format überzeugt. Und so lacht sie in den Episoden gemeinsam mit ihrer Gesprächspartnerin über Witze, die Harnoncourt einst im Hörsaal gemacht hat und ordnet das Gesagte in sein Schaffen ein. Auch das damalige Publikum - in Hörsälen, bei Vorträgen oder Podiumsdiskussionen - ist in den Mitschnitten immer wieder zu hören und legt Zeugnis von einer außergewöhnlich gelösten Stimmung ab.

Mitgeschnitten wurde das Material übrigens vom Journalisten Wolfgang Buchner, der damals bei Radio Bremen Redakteur für Alte Musik war - auf Sendung gingen die Tonbänder jedoch nie. Vielmehr habe man diese nun im Nachlass des Redakteurs entdeckt, Radio Bremen stellte die Bänder der Witwe zur Verfügung. Und so erfahren die Hörerinnen und Hörer von heute auch allerlei Spannendes aus den Erinnerungen von Alice Harnoncourt, die an die Musik als gemeinsame Obsession seit Studientagen denkt, aber sich auch an 100-Stunden-Arbeitswochen, Konzerttourneen rund um den Globus und die unermüdlichen gemeinsamen Nachforschungen zu Instrumenten und Aufführungspraxis erinnert. Auch einige Mitschnitte aus Vorträgen in Holland sind dabei, diese könnten von einer weiteren Person aufgenommen und an Buchner übergeben worden sein, mutmaßt Harnoncourt.

Die enge Bindung zu Bremen habe sich übrigens durch einen damaligen Cembalo-Bauer ergeben, der sehr früh auf die Arbeit des Ehepaars aufmerksam wurde. In den Mitschnitten erfährt man etwa, dass die Musik vor dem 18. Jahrhundert nicht „mit dem breiten Pinsel malt“, sondern „erzählt“, oder davon, wie wenig ein „schwarzer Knödel mit einem Hals dran“ (Harnoncourts Fachterminus für Note) die musikalische Intention des Komponisten wiedergeben kann und wie man dieses Manko tilgt.

Beim Hören der alten Aufnahmen sei Alice Harnoncourt „begeistert“ gewesen, immer wieder habe sie besonders interessante oder lustige Passagen ihrer Familie vorgespielt. Wichtig zu betonen ist der 91-Jährigen, dass Harnoncourt schon damals darauf verwiesen habe, wie wichtig das Wissen über frühere Aufführungspraxis sei. „Heute spielen viele Musiker so dahin, einfach nach den Noten“, so Alice Harnoncourt. „Jeder glaubt, er weiß es eh. Aber schlussendlich ist es eine Kombination aus Wissen und Emotion, um den Sinn von Musik zu erfassen.“

Und so hofft sie, dass nicht nur Fachpublikum Gefallen an ihrem Podcast findet. Schließlich sei es ihrem Mann stets wichtig gewesen, das Wort direkt ans Publikum zu richten. „Wenn man ein bisschen etwas weiß, hört man anders zu“, ist sie überzeugt. „Das macht auf, das nimmt die Schwelle zwischen Publikum und Podium.“ Jetzt auch beim Podcasthören.

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