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Fette Frittatensuppe: Harald Schmidt im Thomas-Bernhard-Land

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Vor drei Jahren kümmerte sich André Heller publizistisch um „Hab & Gut“ von Thomas Bernhard, nun begibt sich der Entertainer Harald Schmidt - angestiftet durch den Brandstätter Verlag - auf kulinarische Spurensuche durch das Thomas-Bernhard-Land. Dem 1989 verstorbenen Dichter bleibt auch nichts erspart, denkt man sich. Doch der Band erweist sich als erstaunlich gehaltvoll. „In der Frittatensuppe feiert die Provinz ihre Triumphe“ ist ein Coffee Table Book für das Deftige.

Natürlich werden die Brandteigkrapfen, an denen der Philosoph Ludwig in „Ritter, Dene, Voss“ fast erstickt, und die kräftigende Frittatensuppe, die sich „Theatermacher“ Bruscon in Utzbach servieren lässt („Aber nicht zu fett. Immer diese Riesenfettaugen in der Suppe.“), gleich vielfach aufgetischt. Doch erstens gibt es für Frittaten- und Rahmsuppe, Tafelspitz und Essigwurst, Hausruckviertler Schweinsbraten mit Mehlknödel und Stöcklkraut und Ausgezogenen Apfelstrudel Rezepte der einstigen Köchin von Bernhards Stammlokal, dem Gasthof Klinger in Gaspoltshofen, zum Nachkochen, und zweitens gilt diesmal der Spruch nicht, dass viele Köche den Brei verderben.

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Schmidt ist mehr prominentes Zugpferd als umtriebiger Herausgeber des Buches, steuert eine launige Vorbemerkung und eine entspannte Plauderei mit Claus Peymann bei („zur Uraufführung frei“, lautet die kokette Randbemerkung des Dialogs) und hat sich ansonsten drei Tage Zeit für einen Roadtrip durch oberösterreichische Gasthäuser zwischen Gmunden und Gaspoltshofen, Ohlsdorf und Wolfsegg genommen. Dass dieser nicht wie geplant in Bernhards jagdgrünem Oldtimer-Mercedes stattfinden konnte, „war technischen Problemen geschuldet“, bedauert Schmidt, der dafür mit „einem ausgerechnet in Braunau zugelassenen BMW“ entschädigt wurde. Journalist Stefan Schlögl liefert die dazugehörige Reportage, Fotograf Christopher Mavric hält in herrlichsten Lichtstimmungen fest, was für die Nachwelt erhaltenswert ist: Harald Schmidt in allen Lebenslagen. Meist aber essend und trinkend. „Die war wirklich gut“, lobt er die Saure Wurst beim Kirchenwirt in Ohlsdorf. Ein Zitat für die Ewigkeit.

Andere arbeiten sich nicht nur durch die Speisekarten, sondern durch Leben und Werk des Dichters. Willi Winkler etwa kommt dabei zum Befund: „Nur im Schlaraffenland wird mehr gegessen als bei Thomas Bernhard, nur bei Hänsel und Gretel ist der Hunger größer.“ Von der Nazisuppe bis zur Blutwurst reiche das kulinarische Repertoire, „nur ein Gericht wird bei Bernhard immer serviert, das Straf- und Weltgericht“. Theaterkritikerin Margarete Affenzeller analysiert kenntnisreich die unzähligen Essensszenen seiner Stücke („Tisch decken, auftragen, einschenken, nachreichen - die unscheinbaren Tätigkeiten während eines Essens sorgen bei Bernhard bis in Mikrobereiche hinein für die Justierung von Figuren und ihren Beziehungen zueinander.“), Alexander Rabl und Katharina Seiser widmen sich Aspekten von Küche und Gaststube, Vincent Klink dem Wiener Kaffeehaus. Und natürlich bleibt nicht unerwähnt, was jedem Besucher des Ohlsdorfer Vierkanters leichtes Gruseln einflößt: Dass Bernhard über eine perfekt ausgestattete Profi-Küche verfügte, es aber keinen Zeugen gibt, der sie je in Betrieb sah.

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Der Präsident liefert das Nachwort, der Präsident der Thomas Bernhard Gesellschaft nämlich. Der heißt David Schalko, liefert ein paar Prisen des angeblich gezählte 838-mal in Bernhards Oeuvre untergemischten Basisgewürzes „naturgemäß“ und ein pointiert formuliertes Fazit: „Die drei wesentlichen Zutaten dieser Republik - Katholizismus, Nationalsozialismus und Sozialismus - hat kein anderer zu einer solch herrlich unbekömmlichen Existenzsuppe verkocht wie Thomas Bernhard. Er war Giftmischer und Apotheker zugleich.“

(S E R V I C E - Harald Schmidt (Hg.): „In der Frittatensuppe feiert die Provinz ihre Triumphe. Thomas Bernhard. Eine kulinarische Spurensuche“, Mit Beiträgen von Margarete Affenzeller, Vincent Klink, Claus Peymann, Alexander Rabl, David Schalko, Stefan Schlögl, Katharina Seiser und Willi Winkler, Brandstätter Verlag, 176 Seiten, 36 Euro)


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