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Aufrüttelnd: Julya Rabinowichs Jugendbuch „Dazwischen: Wir“

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Madina ist wieder da. Fünfeinhalb Jahre nachdem die österreichische Autorin Julya Rabinowich in ihrem ersten Jugendbuch „Dazwischen: Ich“ ein 15-jähriges Flüchtlingskind über das schwierige Ankommen in einem neuen Land und das Leben im Flüchtlingsheim berichten ließ, gibt es eine Fortsetzung. „Dazwischen: Wir“ heißt das Buch, in dessen Verlauf Madina ihren 16. Geburtstag feiert. Mit Freunden und Gartenparty. Ein kurzer Moment des Glücks in einem ständigen Kampf um Normalität.

Es ist ein Ringen an gleich mehreren Fronten. In Madinas Familie herrscht noch immer der Ausnahmezustand. Der Vater hat sich, wie es sich in „Dazwischen: Ich“ abgebahnt hat, zu einer Rückkehr in die alte Heimat entschlossen, um seinen Bruder zu retten. Seither hat die Familie, die nicht mehr in einem Flüchtlingsheim, sondern privat untergebracht ist, nichts mehr von ihm gehört. Dafür versinkt die Mutter in Depressionen, die Tante verzagt, der kleine Bruder Rami macht im Kindergarten Probleme. Alle würden sie intensive Betreuung oder Therapie brauchen. Madina ist weiterhin Trouble-Shooterin und Ober-Checkerin der Familie. Zum Glück hat sie ein paar Leute, die ihr den Rücken stärken. Ihre Betreuerin Frau Wischmann und ihre Klassenlehrerin Frau King etwa, die sie fordern und fördern. Doch nun sind Sommerferien. Und Madina sehnt deren Ende herbei.

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Auch die Lage in Herzensangelegenheiten ist unübersichtlich. Freundin Laura verhält sich in letzter Zeit so komisch und hält ihren neuen Lover geheim. Nach ein wenig Nachspionieren entdeckt Madina: Der vermeintliche Lover ist eine Sie. Und mit Madinas Freund Markus, Lauras Bruder, verbindet sie zwar eine innige Freundschaft, aber vielleicht doch nicht mehr. Da sind aber noch andere Menschen, die sich zunehmend eigenartig verhalten. Die in der Kleinstadt ein „Ausländerproblem“ orten, die demonstrieren und stänkern. Die Parolen auf Hauswände schmieren. Madina und ihre Freunde beginnen sich zu wehren, nehmen als „Paint-over-Crew“ die Dinge, sprich: die Spraydosen, selbst in die Hand. Keine ungefährliche Sache, schließlich gibt es etwas, das man als Flüchtling unter allen Umständen vermeiden sollte: Probleme mit der Polizei. Doch eines Tages ist auch das Haus, in dem Madinas Familie wohnt, beschmiert. Und vor dem Garten stehen einige Dutzend Betrunkene mit Fackeln in den Händen.

Julya Rabinowich, selbst einst als Kind mit ihren Eltern von Russland nach Wien gekommen, hat neuerlich mit Können und Einfühlungsvermögen die Probleme und Gefühle einer jungen Geflüchteten beschrieben, ohne dass dabei eine 08/15-Flüchtlingsgeschichte herausgekommen wäre. Mehr als beim Vorgängerbuch wird die Umgebung mit einbezogen, diesmal passt die Sprache der tagebuchartig in Ich-Form verfassten Erzählung auch besser: Madina hat in der Schule große Fortschritte gemacht. Einen Deutsch-Zweier empfindet sie als „funkelnde Medaille“, und sogar die strenge Lehrerin, die sie das ganze Schuljahr über mit Zusatzaufgaben quält und sich in der entscheidenden Nacht mutig an die Seite von Madinas Familie stellt, hält das als Fernziel erträumte Medizinstudium für machbar.

Vorerst geht es jedoch neuerlich in die Ferien und diesmal per Interrail und mit Laura in die ganz normale Freiheit einer selbstbestimmten, nun schon etwas optimistischeren jungen Frau. Man gönnt es ihr von Herzen. Weitere Fortsetzung nicht ausgeschlossen.

(S E R V I C E - Julya Rabinowich: „Dazwischen: Wir“, Hanser Verlag, empfohlen ab 14 Jahren, 256 Seiten, Paperback, 17,50 Euro)


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