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Theaterregisseur Hans Neuenfels mit 80 Jahren verstorben

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Der deutsche Theater- und Opernregisseur Hans Neuenfels ist tot. Er starb Sonntag mit 80 Jahren in Berlin, teilte seine Familie am Montag über einen Anwalt mit. Der Regisseur hatte seine Schauspiel- und Regieausbildung in Wien begonnen. Er arbeitete u.a. am Theater Heidelberg und dem Stuttgarter Staatstheater und war Intendant der Freien Volksbühne in Berlin. 2001 sorgte der Regie-Altmeister für eine skandalumwitterte „Fledermaus“ bei den Salzburger Festspielen.

Neuenfels wurde am 31. Mai 1941 in Krefeld geboren. Er studierte Regie am Max Reinhardt Seminar in Wien. Seine Karriere begann er 1964 am Wiener Theater am Naschmarkt. Mit 28 Jahren hatte er bereits 30 Stücke inszeniert und eine feste Schauspieltruppe mit Gottfried John, Ulrich Wildgruber und der späteren Ehefrau - die Wienerin Elisabeth Trissenaar - um sich geschart. Letztere sollte häufig große Rollen in seinen Inszenierungen spielen. Anschließend zog er als Chefdramaturg nach Trier. Unter dem Einfluss des amerikanischen „Living Theatre“ brachte er „Happenings“ auf die Bühne und hatte damit schnell den Ruf des „Provokateurs“ und „Rebellen“.

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Im Laufe seiner jahrzehntelangen Karriere inszenierte er unter anderem am Schauspiel Frankfurt, in Stuttgart, Hamburg, Berlin, Münschen, Zürich und Wien. Von 1986 bis 1990 war er Intendant der Freien Volksbühne Berlin. Neuenfels drehte auch Filme, etwa über Heinrich von Kleist oder Jean Genet, und war ein leidenschaftlicher Autor: 2011 erschienen seine Memoiren mit dem Titel „Das Bastardbuch - Autobiografische Stationen“.

Die größte öffentliche Aufmerksamkeit galt aber Neuenfels‘ Arbeiten am Musiktheater. Dreimal wurde er zum „Opernregisseur des Jahres“ gewählt. Sein Regiedebüt an der Oper hatte er 1974 mit Giuseppe Verdis „Troubadour“ in Nürnberg gegeben. Mit Verdis „Aida“ ließ er 1980 in Frankfurt einen Theaterskandal folgen: Seine Aida trat dort als Böden schrubbende Putzfrau auf.

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Skandal auch 2001 bei den Festspielen in Salzburg: In der letzten Saison des umstrittenen Festspielchefs Gerard Mortier zerlegte Neuenfels die „Fledermaus“ von Johann Strauß, ließ den Prinzen Orlofsky Kokain statt Champagner konsumieren und eine Sadomaso-Orgie feiern. Bereits mitten in der Premiere machten Zuseher mit Ausrufen wie „Frechheit“ oder „Aufhören“ ihrem Ärger kund.

Und auch am Kulturskandal des Jahres 2006 war Neuenfels beteiligt: Die Absetzung seiner Inszenierung der Mozart-Oper „Idomeneo“ an der Deutschen Oper in Berlin sorgte für weltweite Schlagzeilen. Knackpunkt war die Szene, in der König Idomeneo die abgeschlagenen Häupter von Buddha, Mohammed, Jesus und Poseidon auf vier Stühle legt. Wegen angeblicher islamistischer Bedrohungen wurde die Inszenierung vom Spielplan genommen.

Theater müsse „immer anecken und auch viel riskieren“, sagte Neuenfels 2010 in einem dpa-Interview . Das Theater der Gegenwart sei oft „zu ängstlich und sehr bescheiden, sehr zurückhaltend und auf sich selbst bezogen“, meinte er. „Man muss mit dieser Gesellschaft kämpfen, so ist Theater auch immer gewesen.“ Im Alter wurde Neuenfels versöhnlicher, 2018 kehrte er nach der skandalumwitterten „Fledermaus“ zurück zu den Salzburger Festspielen und ließ mit klassisch-altmeisterlicher Sicht von Peter Tschaikowskys „Pique Dame“ die einstigen Theater-Skandale vergessen.

2016 erhielt er den Deutschen Theaterpreis „Faust“ für sein Lebenswerk. Er treibe „die zeitgenössische Weiterentwicklung der darstellenden Künste vehement voran“, hieß es in der Begründung. „Mit seinem Wirken inspiriert er ganze Generationen von Schauspielern, Sängern und Regisseuren.“ Neuenfels sei einer der Protagonisten des gesellschaftlichen und ästhetischen Aufbruchs der Theater nach 1968, immer wieder habe er sich für Uraufführungen und zeitgenössische Werke eingesetzt. „Aber auch traditionelle Werke interpretiert er mit oft schmerzhaftem Nachdruck und entsprechend großer und kontroverser öffentlicher Resonanz als szenische Chiffren für die akuten Themen der Zeit.“

„Ohne Theater und Oper hätte ich ein für mich nicht gelungenes Leben geführt, sie waren meine Rettung und mein Glück“, resümierte Neuenfels 2010. „Die Bühnenarbeit hat mir eine unglaubliche Kraft gegeben, es war eine große Bereicherung meines Lebens.“

„Hans Neuenfels war einer der ganz großen Theater- und Opernregisseure. Mit ihm verliert die Welt der Kultur einen seiner bedeutendsten und originärsten Protagonisten, einen Theatererfinder, der in all seinen Widersprüchen immer einem unbedingten Kunstgedanken gefolgt ist“, reagierte der Intendant der Salzburger Festspiele, Markus Hinterhäuser. Auch er erinnerte an die Skandal-Fledermaus aus dem Jahr 2001. Aber schon bei seinem Festspieldebüt mit Mozarts „Così fan tutte“ habe Neuenfels kontroversielle Reaktionen und heftige Debatten ausgelöst.

Als „Theatermensch per excellence“ bezeichnete Staatsoperndirektor Bogdan Rošcic Hans Neuenfels. „Er lebte und liebte das Theater und so war seine Heimat nie in einer bestimmten Stadt oder einem bestimmten Land zu verorten, sondern auf jeder Bühne, auf der er schöpferisch tätig werden konnte.“ Rošcic zeigte sich glücklich darüber, dass Neuenfels in der vergangenen Saison an der Wiener Staatsoper „seine maßstabsetzende Interpretation“ von Mozarts ‚Entführung aus dem Serail‘ neu erarbeitet habe. Damit lebe er nicht nur in der Erinnerung weiter, „sondern in jeder Vorstellung dieser exemplarischen Produktion“, die ab 12. März wieder am Spielplan der Wiener Staatsoper steht.

Neuenfels lebte mit seiner Ehefrau in Berlin und hat einen Sohn, den Kameramann Benedict Neuenfels, der mehrfach mit dem Deutschen Kamerapreis und 2019 mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet wurde. In Berlin soll eine Trauerfeier stattfinden, wie der Anwalt der Familie mitteilte.

Der Radiosender Ö1 wiederholt am Samstag (12. Februar, 9.05 Uhr) in den „Hörbildern“ das von Peter Kaizar gestaltete Feature „Wie viel Musik braucht der Mensch? Hans Neuenfels: Zum 75. Geburtstag des Regisseurs und Provokateurs“ aus dem Jahr 2016.


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