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Autor Gauß ärgert sich über „Demonstrationen der Schande“

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Die Journale des Salzburger Autors und Publizisten Karl-Markus Gauß sind seit vielen Jahren fixer Bestandteil der heimischen Literaturlandschaft. Mit dem neuen Band „Die Jahreszeiten der Ewigkeit“, entstanden vor allem zwischen seinem 60. und 65. Geburtstag, möchte er diese Serie beenden. Das hält er im Interview mit der APA fest. Ein Mailwechsel über die Feinde der Aufklärung, die Gefährlichkeit des heiteren Himmels und Erkenntnisse an der Schwelle des Todes.

APA: Herr Gauß, Ihr neues Buch „Die Jahreszeiten der Ewigkeit“ entstand hauptsächlich in den Jahren zwischen 2014 und 2019. Wir begegnen dabei neben vielem Zeitlosen auch Ereignissen, die heute gefühlt eine Ewigkeit her sind: Trump-Wahl, Van der Bellen-Wahl, Flüchtlingskrise. Unglaublich viele Dinge sind seither geschehen. Dreht sich das „Rad der Zeit“ auch für Sie schneller als je zuvor?

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Gauß: Ja, die Beschleunigung ist das Stigma unserer Epoche. Eine der klügsten Journalistinnen des Landes (Corinna Milborn), hat noch im Mai 2021 gesagt: Kurz werde Österreich länger regieren als Castro Kuba! Wenn man ein - allerdings komponiertes - Journal veröffentlicht, dann muss man bei den Mitschriften zur Zeit, der Chronik der Ereignisse, zwei Dinge berücksichtigen: Erstens wird nichts nachher korrigiert, was man im Augenblick notierte oder erkannte, das wäre unlauter; andrerseits habe ich mich in den Notaten und Analysen der laufenden Politik auf Aspekte konzentriert, die über den Tag hinaus richtig bleiben oder immerhin von Interesse bleiben könnten. Ich notiere ja täglich einige Dinge handschriftlich in meinen Tagebüchern, und wenn ich sie nach Jahren durchsehe, um zu schauen, was für eine Veröffentlichung taugt, fällt natürlich vieles, was mir im Augenblick wichtig war, als ziemlich nichtig heraus.

APA: Viele von Ihnen angesprochene Entwicklungen haben sich seither verschärft. Gleich auf der ersten Seite stolpert man etwa in einer Erinnerung an Ihre Kindheitstage über ein „wie wir damals sagten, schwarz wie die Neger“. Wie stehen Sie zu dem zunehmenden Eingreifen von Sprachpolizisten in Texte, wie zu Gendern, Wokeness und Correctness?

Gauß: Ich anerkenne den Wunsch, auch in der Sprache Frauen sichtbar zu machen. Die bisherigen Vorschläge oder fast schon bedrängend moralistischen Vorgaben überzeugen mich aber meist nicht sehr. Ich wurde übrigens von feministisch orientierten Leserinnen schon früher dafür gelobt, dass ich auf meine Weise eben nicht die Frauen sprachlich verschwinden habe lassen.

Bei der Correctness hat es anfangs Dinge gegeben, die ich wichtig und richtig fand, z. B. dass man Gruppen so nennen soll, wie sie selbst genannt werden möchten, also wo Roma sich als Roma bezeichnen, dann haben wir kein Recht, auf dem alten Zigeuner zu beharren. Andrerseits hatte ich ein Problem bei meinem Buch „Zwanzig Lewa oder tot“, wo ich auch von einer Gruppe bulgarischer Roma erzähle, die partout keine Roma sein wollten, sondern mich auslachten, wenn ich sie so bezeichnete. Sie beharrten darauf, „Tsigani“ zu sein. Als ich in der Reportage über Bulgarien dann an einer Stelle diese Selbstbezeichnung aus Respekt vor ihnen beibehielt, haben Leser, die nicht an der realen Situation der Roma oder Tsigani interessiert sind, sondern an ihrer moralischen Überlegenheit, mich wütend dafür gescholten. Sie haben sich zwar noch nie mit dem Leben der Roma in Europa auseinandergesetzt, ihnen genügt, dass sie wissen, wie man sie als moralisch hochstehender Mensch zu bezeichnen hat.

Mit der Wokeness ist es noch mal was anderes, sie ist, wie sie heute mit sektenhafter Energie zur dominanten Religion gemacht werden soll, ein gesellschaftlicher Rückschritt. Wer z. B. kritische Dinge, harte Sozialkritik, drastische Sprache - also Dinge, die wir in der Literatur, in der Kunst, seit jeher kennen -, nicht ertragen kann, der soll davor nicht durch ideologiepolizeilichen Selbstanzeigen von feigen Verlegern, beflissenen Kulturveranstaltern geschützt werden, sondern die Unis und Kulturstätten verlassen und in den „safe spaces“ seiner Gruppen zurückkehren. Genau das Gegenteil machen sie. Sie wollen die Öffentlichkeit erobern und die Diskussion abbrechen. Es sind Finsterlinge, Feinde der Aufklärung.

APA: Die Aufklärung scheint ja überhaupt keine Errungenschaft mehr zu sein, auf die stolz zu sein man sich gemeinsam verständigen kann. In der derzeitigen gesellschaftlichen Spaltung angesichts der Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie werden ja die grundlegendsten Dinge, die man längst außer Streit gestellt sah, angezweifelt. Ist das eine Art Zivilisationsbruch, die wir gerade erleben - und wie geht es dem „Häferl“ Karl-Markus Gauß, dessen gelegentliches Aufwallen und Überkochen Sie ja auch mehrfach in Ihrem Buch beschreiben, angesichts von Masken-Verweigerern. Impf-Gegner und anderen Zeitgenossen?

Gauß: Ich habe vor Jahren den „Toleranzpreis des österreichischen Buchhandels“ erhalten, aber meine Toleranz ist in den letzten Monaten sehr gesunken. Das sind echte Demonstrationen der Schande, die die Corona-Leugner da veranstalten, und die liberalen Medien, die sie kritisieren, pflegen sie anderseits doch zu legitimieren. Und zwar, indem sie Selbstbezeichnung dieser Leute übernommen haben: Auch wir sprechen von „Querdenkern“, was doch einst eine Auszeichnung war, und mit der nun Leute bezeichnet werden, die nicht quer, sondern überhaupt nicht oder nach den Vorgaben von Verschwörungslehren denken; oder von „Impfrebellen“ - wer wollte sich künftig noch als Rebell bezeichnen? Wir haben ihnen diese ehrbaren Begriffe nahezu kampflos überlassen, so wie ihnen auch die Straßen überlassen wurden.

Was mich beschäftigt: je länger die Pandemie dauert, umso mehr Leute gehen für die Demokratie verloren. Nicht nur für die Demokratie, sondern für die Zivilisation selbst. Wer sich davon überreden lässt, dass nicht 300 Jahre medizinische Wissenschaft die Mittel gegen das Virus finden wird, sondern ein Entwurmungsmittel für Pferde das Heil ist, der wird sich später, wenn die Pandemie doch einmal beendet ist, auch von ganz anderen Dingen überzeugen lassen. Wer vor Krankenhäusern demonstriert und die Ärzte- und Pflegekräfte als Mörder tituliert, dem traue ich jederzeit zu, bei einem anderen Anlass die nächste Synagoge anzuzünden. Wir müssen damit rechnen, dass diese 20 oder mehr Prozent der Bevölkerung Heilslehren nacheifern werden, dem Irrationalismus gewaltsam frönen und sich andere Anlässe suchen werden, Anschläge auf das zivilisierte Leben zu verüben und, egal wie schlagbereit und aggressiv sie agieren, sich dabei auch noch als Opfer fühlen und ausgeben.

APA: Nicht nur angesichts dieser Worte freute man sich schon jetzt auf das nächste Journal, das sich der Auseinandersetzung mit der von Ihnen beschriebenen Gegenwart widmet. Und doch sagen Sie, dieses Journal werde Ihr letztes sein. Warum?

Gauß: Dieses Buch ist nun schon mein sechstes Journal, in denen ich meine persönliche Geschichte der Jahre von 2000 bis 2019 auf rund 2000 Seiten erkundet habe. In jeder Folge der Journale habe ich neue formale, gestalterische, erzählerische, kompositorische Facetten ausprobiert. Aber das, was ich damit versuchte, blieb das gleiche: nämlich ein literarisches Dokument meiner Anwesenheit in dieser Zeit zu schaffen, und damit nicht nur über mich, sondern eben auch über diese Zeit zu schreiben. Ich habe versucht, Verbindungen zwischen dem privaten Leben und den großen gesellschaftlichen Entwicklungen aufzuspüren, freilich ohne, dass ich einen einfachen Konnex oder Gleichschritt konstatiert hätte. Im Gegenteil, man kann in düsterer Zeit auch glücklich sein, man darf sich, auch im Zorn auf so vieles, was einem missfällt, nicht den Anspruch nehmen lassen, dass man in diesem Leben nicht nur Einspruch, Widerspruch erheben muss, sondern auch in der Fülle des Lebens Schönheiten entdeckt und preist. Die Journale werden von manchen Lesern als politische Begleitlektüre geschätzt, andere favorisieren die gleichsam persönliche Sicht eines Individuums auf sich und die Welt. Und dabei gerate ich ja immer gerne vom Hundertsten ins Tausendste, lege es aber darauf an, auf diesem literarischen Weg wieder ganz bei mir anzukommen.

Ich werde auch weiter Aufzeichnungen verfassen und, wie ich das bei den Journalen gemacht habe, verschiedene Genres dafür aufbieten, ein polnischer Germanist hat ja einmal, ich glaube, fünfzehn verschiedene Genres in den Journalen entdeckt: vom kleinen Essay zur Reisenotiz, von der Literaturkritik zum Nekrolog, von der Kurzgeschichte zum Aphorismus, von der politischen Polemik zur privaten Etüde ... Aber immer so, dass alles ineinander verwoben ist und aufeinander verweist. Da möchte ich gerne weitermachen, aber so, dass es den chronikalischen Rahmen, ohne den ja ein Journal nicht auskommt, sprengt.

APA: Sie beschreiben in Ihrem Buch sehr anschaulich und beklemmend die Auswirkungen zweier Bandscheibenvorfälle. Was war geschehen? Wie geht es Ihnen heute?

Gauß: Wer einmal einen Bandscheibenvorfall hatte, weiß, wie schmerzhaft, oft über Wochen demoralisierend diese Sache ist, an der man aber nicht stirbt und von der man als Experte der eigenen Krankheiten weiß, dass sie eines Tages auch wieder verschwunden ist.

Zwei Wochen nach Fertigstellung des Buches in einem politisch, ökologisch und sozial furchtbaren, persönlich aber rundum beglückenden Sommer bin ich aber mit einem Herzinfarkt aus „heiterem Himmel“ zusammengebrochen, der heitere Himmel ist offenbar eine besonders gefährliche meteorologische Sache. Sechs Wochen danach musste ich eine ziemlich heikle Herzoperation überleben, und danach erfüllte mich etwas, was ich als Sonntagskind bisher nicht kannte: die große Erschöpfung, eine geradezu schmerzhafte Kraftlosigkeit. Das hat sich gebessert, obwohl es zu dem vitalen, stark belastbaren Büffel, der ich Sensibelchen tatsächlich war, noch sehr weit ist.

Ich bin neugierig, wie das alles mit mir und dem, was ich bisher so gerne tat - meine Kräfte nämlich für vielerlei verschiedene Dinge aufzubrauchen -, noch wird. Manche Freunde und Ratgeber haben mich immer schon ermahnt, mich auf weniger Dinge zu konzentrieren und meine Begabungen nicht zu verplempern. Aber auch an der Schwelle des Todes, an der ich im Herbst in vollem Bewusstsein dieser Tatsache stand, habe ich gesagt: Das Schönste, an der Literatur und im Leben, das war das Verplempern.

(Den Mailwechsel führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Karl-Markus Gauß: „Die Jahreszeiten der Ewigkeit“, Zsolnay Verlag, 314 Seiten, 25,70 Euro, ISBN 978-3-552-07276-3)


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