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Rabinovici: „Demokratische Grundfreiheiten sind in Gefahr“

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Sein bisher letztes Buch „Die Außerirdischen“ war eine Faschismusparabel im Kleid einer Science-Fiction. In seinem neuen Roman „Die Einstellung“ widmet sich Doron Rabinovici dem Bild, das wir uns von Politikern machen. Dabei steht nicht der Text-, sondern der Fotojournalismus im Zentrum der Auseinandersetzung mit dem Anteil der Medien an politischen Karrieren. Er habe das Sujet gewählt, „weil wir das Bild im Zusammenhang mit Populismus häufig gering schätzen“, sagt der Autor.

Während im Textbereich niemand auf die Idee käme, den Artikel eines populistischen Agitators eins zu eins in einem Qualitätsmedium zu verwenden, würden sich auch Qualitätsmedien „viel hilfloser und wehrloser benehmen, wenn es um Bilder geht“. Da würden mitunter nicht nur bedenkenlos Fotos verwendet, die von den PR-Abteilungen der Parteien zur Verfügung gestellt würden, da sei auch die Frage der objektiven Darstellung meist nicht einfach zu lösen. „Der Versuch, diese Leute als Monster darzustellen, schlägt zurück. Andererseits kann ich sie ja nicht freundlich darstellen. Mir ging es um die Zurschaustellung der Zwickmühle, in der wir uns befinden. Dabei verteidigen wir aber nichts weniger als demokratische Grundfreiheiten, die in Gefahr sind.“ Es geht also in fototechnischer wie in weltanschaulicher Sicht um die richtige Einstellung.

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Die beiden Figuren, mit denen Rabinovici diesen Konflikt kulminieren lässt, heißen Ulli Popp und August Becker. Popp ist ein chamäleonartiger populistischer Politiker, der sich erfolgreich zum Volkstribun stilisiert. Es gebe kein direktes Vorbild für ihn, sagt der Autor im APA-Interview: „Manche seiner Worte stammen von Orban, Salvini, Trump, Strache oder Kickl. Mit diesen Texten habe ich mich in ‚Alles kann passieren!‘ (einer 2018 erschienenen Text-Collage, Anm.) sehr auseinandergesetzt. Aber er ist schon eine eigene Figur. Ich hab mir überlegt: Wie österreichisch soll ich werden? Ohne Zweifel ist Österreich eine der Avantgarde-Gesellschaften dieser Erscheinung. Aber es ist eben - anders als in den 90ern - keine österreichische Geschichte mehr. Jetzt sind die überall.“

Ulli Popps Antagonist ist der gefeierte Pressefotograf August Becker, der mit der Magazin-Journalistin Selma Kaltak an einer großen Reportage über Popps Auftritte in der Wahlkampf-Endphase arbeitet. „Dieser Fotograf ist sicher inspiriert von den Fotografen, denen ich am Ende danke - also Robert Newald, Matthias Cremer, Heribert Corn. Idee und Überlegung zu der Geschichte sind auch stark beeinflusst von Lukas Beck. Das sind Fotografen, die für ihren Beruf brennen. Ich wollte jemanden in seiner Leidenschaft zeigen, jemanden, der eigentlich gar nicht so sicher ist - es sei denn, er hat sein Werkzeug in der Hand.“

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Becker gelingt schließlich bei einem Bier-Anstich ein großartiges Bild des Politikers, das sich, wie sich im Verlauf des Buches zeigt, nicht nur vielfältig verwenden lässt, sondern auch als Beweismittel dienen kann. „Das Foto decouvriert Ulli Popp, aber es verherrlicht ihn auch - in einer Art und Weise, die ihm nie eingefallen wäre. Und wenn wir noch genauer hinschauen, zeigt das Foto etwas, was wir zuerst gar nicht gesehen haben.“ Dabei zeigt Rabinovici eine Art Doppelmühle: Selbst wenn die Entlarvung gelingt, „verstehen es diese rassistisch-autoritären Populisten, unsere Aufregung darüber als Trampolin auszunutzen“.

Doron Rabinovici, der 2010 mit dem Roman „Andernorts“ auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis stand, 2015 mit dem Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels ausgezeichnet wurde und im Dezember seinen 60. Geburtstag feierte, hat viel Erfahrung im Kampf gegen das Vergessen, Verdrängen und Manipulieren. In der Anti-Waldheim-Bewegung war er ebenso einer der Protagonisten wie bei der zivilgesellschaftlichen Opposition gegen Schwarz-Blau. Wie sehr beim Schreiben des Romans die heimische Innenpolitik in Bewegung kommen würde, hätte er sich jedoch nie träumen lassen: „Das erste Exposé schrieb ich Anfang 2017. Da hatten wir noch den SP-Bundeskanzler Christian Kern. Das meiste habe ich in der Zeit geschrieben, in der wir dachten, Strache und Kurz würden die nächsten zehn Jahre dominieren. Heute ist Strache eine lächerliche Figur und Kurz went international. Und dann kam noch die Inseratenaffäre. Das alles glaubt mir ja das deutschsprachige Ausland gar nicht...“

Ein weiteres österreichisches Spezifikum hat er in der Gegenwart festgestellt: „Nicht zufällig hat die Anti-Covid-Maßnahmen-Bewegung in Österreich eine stärkere rechtsextreme Ausprägung als in anderen Ländern. Hierzulande sind die Nazigestalten dieses Landes aus dem Kriminal herausspaziert, um Massendemos anzuführen. Vorneweg die Identitären, und die dahinter haben eigentlich nichts mit ihnen zutun, sie tappen aber mit.“

Und so sei „Die Einstellung“ auch als Warnung zu verstehen, sagt Rabinovici: „Ich habe versucht das darzustellen, was man früher hilflosen Antifaschismus genannt hat. Ich bin überzeugt: Eine Gesellschaft, die auf Populismus gedrillt wird, kommt davon auch nicht mehr los. Wir erleben eine Wende. Etwas geht unwiederbringlich zu Ende - nämlich die Nachkriegszeit, in der wir groß geworden sind, mit ihren gesicherten Verhältnissen. Neu ist, wie sehr unsere demokratische Institutionen unter Beschuss kommen, die Medien, die Kunst.“

Verifikation und Falsifikation hatten keine Bedeutung mehr, glaubt der Autor: „Diese autoritär-rassistischen und populistischen Gestalten sind wie der Schatten unserer offenen Gesellschaft. Diesen Gestalten geht es nicht um die Frage Wahrheit oder Lüge, es geht ihnen nur darum, die Wirklichkeit umzulügen. Wenn ich sage, dass die Wahlen geschoben sind, sind sie delegitimiert in dem Moment, wo ich eine große Gruppe von Menschen davon überzeuge. Wenn ich genug Menschen davon überzeuge, dass die Impfung oder die Maßnahmen nichts nützen - dann werden sie auch nichts nützen. Wenn ich sage, dass das Leben dieser Leute nichts wert ist, dann wird nach einer gewissen Zeit das Leben dieser Leute nichts mehr wert sein. Sie glauben nicht daran, was sie sagen, aber sie glauben daran, dass es wirkt, wenn sie es sagen.“ Und so sei eine Lehre der vergangenen turbulenten Jahre, dass Demokratie immer wieder neu errungen werden müsse: „Solange unsere Institutionen nicht neu aufgestellt und verteidigt werden, geht diese Auseinandersetzung weiter.“

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Doron Rabinovici: „Die Einstellung“, Suhrkamp, 224 Seiten, 24,70 Euro, ISBN 978-3-518-43059-0; Buchpräsentation am 24.2., 19 Uhr, in der Alten Schmiede, Wien 1, Schönlaterngasse 9)


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