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Kurdwin Ayub will „Migrationsgeschichten anders erzählen“

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Sie ist mit ihrem Spielfilmdebüt „Sonne“ einer der Entdeckungen bei der heurigen Berlinale: Die Wienerin Kurdwin Ayub, die mit dem Film auch die heurige Diagonale eröffnen wird. Vor der Weltpremiere in der Sektion Encounters sprach die 1990 geborene Filmemacherin mit der APA über das Ziel, Migrationsgeschichten ander zu erzählen, den Dreh mit Laiendarstellern und den Trick, wie man den widerspenstigen eigenen Vater vor die Kamera bekommt.

APA: Ihr Dokumentarerstling „Paradies! Paradies“ war ein höchst persönliches Werk, in dem Sie Ihre Familie porträtieren. Wie persönlich ist nun ihr Spielfilmdebüt „Sonne“ zu verstehen?

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Kurdwin Ayub: Ich spiele eigentlich seit zehn Jahren in all meinen Arbeiten damit, was echt und nicht echt ist. Und ich glaube, das gilt auch für „Sonne“ - ich lasse gerne verschwimmen, was ich bin, was fiktional. Klar ist aber, dass ich viele Details im Film aus Medienberichten übernommen habe, etwa, dass eine Gruppe Jugendlicher in Lainz ein Wildschweinjunges getötet hat. Und natürlich hat die emotionale Welt respektive das Losreißen von einer Vergangenheit schon Ähnlichkeiten zu meinem Leben.

APA: Und nicht zuletzt spielen wieder ihre Eltern mit...

Ayub: Das Lustige ist allerdings, das meine Eltern sich überhaupt nicht selbst spielen! Meine Mutter war eigentlich voll frei und mein Vater der strenge - also umgekehrt wie im Film. Das war praktisch eine Therapiestunde für uns.

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APA: In „Paradies! Paradies!“ hat Ihr Vater vor laufender Kamera jede Ihrer Regieanweisungen hinterfragt. Wie hat das diesmal geklappt?

Ayub: Ich wollte ihn von Anfang an dabei haben, aber er hat etwas gemeint wie „Such Dir eigene Geschichten und Darsteller“. Dann habe ich meine Mutter gecastet, worauf er sofort eifersüchtig geworden ist und doch dabei sein wollte. (lacht) Meine Mutter konnte immer super auf Anweisungen reagieren, bei ihm weiß ich, dass er am besten ist, wenn ich ihm einfach den Raum gebe...

APA: Wäre vor diesem Hintergrund für Sie je denkbar, eine Regie bei einem Stoff zu übernehmen, den Sie selbst nicht entwickelt haben?

Ayub: Ja sicher, wenn er interessant ist! Aber es ist grundsätzlich einfach so schwer, Fuß zu fassen in der Filmbranche, was jedem so geht. Deshalb realisiert man halt eher seinen eigenen Stoff, wenn man schon einmal die Chance auf einen Film bekommt.

APA: Nun ist „Sonne“ von der Ulrich Seidl Filmproduktion produziert worden. Ist auch die Filmsprache von Ulrich Seidl auch ein Vorbild für Sie?

Ayub: Ich glaube, es ist kein Vorbild für mich - es ist der einzige Weg für mich. Ich kann keinen superinszenierten Genrefilm drehen, in dem alles gescriptet ist. Ich komme eher vom Dokumentarischen, Performativen. Das ist das Einzige, was ich kann. (lacht)

APA: Mit Laiendarstellern zu arbeiten ist also keine budgetäre, sondern eine ästhetische Entscheidung?

Ayub: Das wollte ich unbedingt. Und deshalb habe ich die Mädels schon Jahre vorher gecastet. Letztlich haben sie auch ihren Anteil daran, wie sich das Drehbuch entwickelt hat. Ich lerne die Charaktere meiner Darsteller so gut kennen, dass ich die Rolle im Prozess anpassen kann. Und beim Dreh selbst habe ich meine Mittel gefunden, wie ich den Darstellern ein Ziel vorgebe, wenn ich ihnen etwa sage: Mach sie wütend. Da ich weitgehend chronologisch gedreht habe, wussten sie auch immer, was am Tag zuvor passiert war.

APA: Markant bei „Sonne“ ist der Stilpluralismus, der zwischen TikTok, Insta und Handyvideos changiert. Hat sich das ebenfalls im Prozess entwickelt?

Ayub: Das Konzept stand von Beginn weg fest. Und die Hälfte der Videos ist inszeniert, während die andere aus dem Archiv der Mädels stammt oder aus der Situation heraus gedreht wurde.

APA: „Sonne“ hat eine Filmsprache, die für das österreichische Kino ungewöhnlich ist, und Sie zeigen eine Lebenswelt, die im heimischen Kino nur selten aus einer Innenperspektive geschildert wird. War das Ihr bewusstes Ziel?

Ayub: Mein erster Satz bei der Fördereinreichung war, dass ich einen Film machen möchte, der Migrationsgeschichten anders und richtig erzählt, nicht so falsch, wie es sich meist anfühlt. Und ich glaube, das habe ich geschafft.

APA: Wird es in dieser Richtung weitergehen für Sie?

Ayub: Ich arbeite schon am nächsten Projekt, das „Mond“ heißen wird und mit den Differenzen zwischen dem Westen und dem Nahen Osten spielt. Kurz gefasst möchte ich den Feminismus im europäischen Raum und im arabischen Raum zeigen - und wieder mit Laiendarstellern.

APA: Fiese Frage zum Schluss: Bedeutet Ihnen die Weltpremiere auf der Berlinale mehr oder die Ehre, der Eröffnungsfilm der Diagonale zu werden?

Ayub: Oh, ich hatte beides nicht erwartet. Es ist aber beides urcool! Bei der Diagonale wird es schön sein, dass alle vom Team kommen können, was hier nicht möglich ist. Das ist natürlich ein toller Teil des Festivalfeelings...

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)


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