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„Morgen und Abend“ als mächtiger Opernabend in Graz

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Dass die moderne Oper im Musikgeschehen unserer Tage oftmals ein ungerechtfertigtes Schattendasein führt, hat sich einmal mehr bei der österreichischen Erstaufführung der Oper „Morgen und Abend“ am Samstag in Graz gezeigt. Das eineinhalbstündige Stück des in Graz geborenen Komponisten Georg Friedrich Haas über Geburt und Tod begeisterte das heimische Publikum in einer musikalisch wie bildlich exquisiten Inszenierung.

„Morgen und Abend“ wurde bereits 2015 in London uraufgeführt, es folgten Inszenierungen in Berlin und Heidelberg. Es ist die zweite Zusammenarbeit Haas‘ mit dem in Österreich lebenden norwegischen Schriftsteller Jon Fosse, der das Libretto zu der Oper nach seinem gleichnamigen Roman (im Original „Morgon og kveld“) schrieb. Wie so oft in seinen Werken beschäftigt sich Haas in „Morgen und Abend“ mit den zentralen Fragen des menschlichen Daseins.

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Das Stück beginnt mit einem Donnerwetter aus Pauken samt auf- und abschwellenden Breitwänden aus dem Orchestergraben, beides wohl nicht ganz unbeabsichtigt an die durch Stanley Kubrick global popularisierte Fanfare aus Richard Strauss „Also sprach Zarathustra“ erinnernd. Der „Sonnenaufgang“ ist bei Haas die immanente Geburt eines Sohnes für den Fischer Olai. Olai, als Sprechrolle angelegt, wird in Graz gekonnt verkörpert von Cornelius Obonya, dessen Status als Bühnenstar auf dem Plakatsujet für die Produktion weidlich herangezogen wurde. Geburtsschmerz und Geburtstrauma manifestieren sich in „Morgen und Abend“ in den Qualen des unsicher vor der Türe der Geburtskammer wartenden Vaters.

Als die Hebamme erscheint und das Kind - es wird Johannes heißen und soll ebenfalls Fischer werden - gesund auf der Welt ist, blendet die Handlung, nahtlos inszeniert, ans Ende dieses Lebens. Die Bühne bleibt während des gesamten Stücks eine dystopische, dunkle, nördlich anmutende Welt, begrenzt von den Spantenwänden eines überdimensionalen Bootes. Die Wiege, in die der Vater das Kind eben noch gelegt hatte, ist bereits das Totenbett.

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Im „Abend“-Teil des Stückes blickt nun Johannes, seinen Tod nahen fühlend, auf die Stationen seines Leben zurück. Es erscheinen Erinnerungsbilder seiner selbst, seiner vorverstorbenen Frau Erna und seines „besten Freundes“ und Fischerkollegen Peter in unterschiedlichsten Lebensaltern. Als einzige reale Person außer ihm selbst tritt Johannes‘ Tochter Signe in Erscheinung. Am Ende stirbt Johannes und wird von Peter, der die Funktion eines Charon übernimmt, in die Totenwelt hinübergeleitet.

Fosses lakonisch-effektives Libretto kleidet Haas in eine opulente Klanglandschaft, die sämtliche E-Musikrichtungen ungeniert und mühelos umspannt. Tonalität ist hier alles andere als verboten, wird aber nie penetrant. Die Gesangsparts sind facettenreich, es gibt drei kunstvoll gewobene Duette. Ein geschickt eingebauter Chor ergänzt das diffizile Klanggemälde.

Bei den Gesangsparts sticht Cathrin Lange mit ihrem messerscharfen und gleichzeitig feinfühligen Sopran hervor, die in der Doppelrolle der Hebamme/Signe eine Glanzleistung abliefert. Aber auch Markus Butter als Johannes, Christina Baader als Erna und Matthias Koziorowski als Peter überzeugen auf ganzer Linie.

Sieht man von Jon Fosses manchmal aufdringlich repetitiven Dialogen ab, offenbart sich an diesem Abend kein einziger Schwachpunkt weder in Stück noch Inszenierung. Der mächtige Applaus des Premierenpublikums gilt nicht nur den Darstellern Musikern und Chormitgliedern, sondern auch den der Reihe nach auf die Bühne geholten Produktionsbeteiligten - allen voran Dirigent Roland Kluttig und Regisseur Immo Karaman. Zum Schluss kommt auch noch Georg Friedrich Haas auf die Bühne und darf die verdienten Ovationen des Publikums seiner Heimatstadt entgegennehmen.

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