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„Onkel Wanja“, der „Sitzsack“: Tschechow als Theater-Sitcom

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Wanni, der alte „Sitzsack“, kommt von der Couch nicht hoch. Mächtiges Knirschen vom Tonband begleitet seine vorerst vergeblichen Aufsteh-Versuche. Seine die Mietwohnung ständig auskehrende Cousine Sonni und Freund Telli, der sich auf einem alten Teppich häuslich eingerichtet hat, juckt das kaum. „Onkel Wanja“, seine Nichte Sonja und der verarmte Gutsbesitzer Telegin sind nur für Eingeweihte wiedererkennbar. Das Bronski & Grünberg Theater spielt Tschechow als Sitcom.

Die von Julia Edtmeier geschriebene und von Dominic Oley inszenierte Fassung spielt nicht in einem heruntergewirtschafteten russischen Landgut, sondern in einer Kleinst-Wohnung, die vom Ausstatterinnen-Duo Kaja Dymnicki und Mary-Jane Fritsch mit pittoresken Details vollgestopft wurde. Lenin, Garfield und Micky Maus finden sich auf den Regalen und an den grellbunten Tapetenwänden ebenso wie Kuckucksuhren oder Tierzeichnungen. Der Arzt Astrow (David Oberkogler) hat sich hier mit einer Staffelei eine Mal-Ecke eingerichtet, in der er Enten und Hühner mit naiven Strichen verewigt und das „Realismus“ nennt. Die Hausbibliothek verfügt über zwei Bücher: Hans Küngs „Existiert Gott?“ und Heinz G. Konsaliks „Der Arzt von Stalingrad“.

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Es sind die liebevollen Details und die gemeinsame Begeisterung aller Beteiligten, die einen immer wieder für das Mini-Theater in Wien-Alsergrund einnehmen. Auch der respektlose Umgang mit „Onkel Wanja“ unterhält - allerdings nicht über die ganzen 95 Minuten, die diese kaum merklich in vier Folgen gegliederte Sitcom dauert. Während auf die Verwendung der genretypischen Zutaten wie die Einspielung von Lachern und Geräuschen zeitweise vergessen wird, zieht sich die Grundidee des gebrochenen „Russisch-Deutsch“ als Bühnensprache allzu aufdringlich durch den ganzen Abend.

Die Handlung nimmt die Grundkonstellation des berühmten Tschechow-Stückes auf. In dem heruntergekommenen Mietshaus, das - ein Blick aus dem Fenster legt es nahe - etwa die russische Emigrantenszene in Brooklyn beherbergen könnte, wohnen ein geldgieriger Professor und seine kesse junge Gattin Jelena (Nicolaus Hagg und Agnes Hausmann, die mit einer „Xanadu“-Tanzeinlage überzeugt). Die übrigen Bewohner - darunter die sich nach Astrow verzehrende Sonja (Julia Edtmeier) - sind von ihm abhängig, da das Haus nach dem Tod von Tante Tanja bald ihm gehören wird. Als Couch-Potato Wanja (Gerhard Kasal) einen Lottogewinn macht, scheint sich das Blatt zu wenden. Doch am Ende bleibt alles beim Alten - und auch Telegin (Dominic Marcus Singer) auf seiner Matte.

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„Onkel Wanja“ als Sitcom? Ein nettes Experiment, das unterhält, aber nicht wirklich überzeugt. Vielleicht macht der Vergleich sicher? Schon am Mittwoch hat in Wien die nächste Tschechow-Überschreibung Premiere. Sina Heiss nimmt sich im TAG „Iwanow“ vor.

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