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„Buch ohne Bedeutung“: Robert Schneider meldet sich zurück

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Robert Schneider ist zurück. 15 Jahre lang gab es keine literarische Veröffentlichung des Autors des 1992 erschienenen Welterfolges „Schlafes Bruder“, zu dessen 30-Jahre-Jubiläum eine „bibliophile Neuausgabe“ herauskommt. Nun erscheint ein Prosaband des Vorarlbergers: „Buch ohne Bedeutung“ versammelt genau 101 Texte von exakt gleicher Länge. Der APA beantwortete der 60-Jährige einige Fragen zu Buch, Pause und Comeback und zum heutigen Riss in der Gesellschaft.

APA: Herr Schneider, dieser Tage erscheint Ihr neues Buch. Es heißt „Buch ohne Bedeutung“. Ist der Titel Koketterie oder eine Anspielung?

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Robert Schneider: Beides. Ich traf kürzlich einen Kollegen, dessen Romane ich bewundere. Er war verblüfft, dass ein gut Teil meiner Bücher nur noch antiquarisch erhältlich ist. Ich müsse da urgieren, neue Verlage suchen, mit Lektoren reden. „Es ist nicht so schlimm, vergessen zu werden“, antwortete ich. Mein Kollege war dann plötzlich sehr pressiert. Das ist die ironische Seite. Vielmehr aber ist der Buchtitel eine Replik auf das Verschwinden des klassischen Buchlesers. Ein Mensch mit einem Buch in der Hand hat etwas anrührend Komisches. Finden Sie nicht auch?

APA: Das Buch ist eine Sammlung von genau 101 Texten. Wieso diese Zahl?

Schneider: Das ist natürlich eine Anspielung auf „Tausendundeine Nacht“. Mir schwebte vor, eine Sammlung von Mikromärchen, Legenden, Fabeln und Anmaßungen zu schreiben. So habe ich dieses Buch konzipiert. Ich wollte noch einmal die Erzählformen eines Märchens von allen Seiten betrachten, paraphrasieren oder gar umkehren.

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APA: Die Texte sind alle mehr oder weniger gleich lang, im Buch meist knapp unter eineinhalb Druckseiten. Welche Bewandtnis hat es mit dieser Länge? War es auch eine Übung in Selbstdisziplin?

Schneider: Tatsächlich haben die Texte eine gleich lange Zeichenanzahl, zwei oder drei Zeichen mehr oder weniger. Aber das war eine formale Spielerei, die aus der Musik kommt. Aber so weit wie Anton Bruckner bin ich nicht gegangen, der angeblich über Jahrzehnte seine täglichen Gebete gezählt haben soll und die Schritte, die er machte.

APA: Hat die kleine bzw. kurze Form Sie immer schon beschäftigt?

Schneider: Eben nicht, und das bereue ich sehr. In diesen vergangenen zwei Jahren, die uns so gelähmt haben, entdeckte ich plötzlich den Zauber im Kleinen. Vielleicht ist dieses Buch auch mein ganz persönlicher Reflex auf die Erkenntnis, dem Großen, Monumentalen - ruhig auch Globalen - zu misstrauen.

APA: Das „Buch ohne Bedeutung“ versammelt keine klassischen Short Stories und auch keine klassischen Erzählungen. Manchmal sind es eher Märchen oder Fabeln, mitunter eher Predigten, Betrachtungen, Beobachtungen, Mini-Essays. Wie würden Sie den gemeinsamen Nenner beschreiben?

Schneider: Das Buch ist meine ganz persönliche Wunderkammer aus persönlich Erlebtem und Erfundenem mit immer wechselnden Sujets und Tonfällen. Letztlich erzähle ich aber, glaube ich, immer die gleiche Geschichte: dass es wunderbar ist, zu leben, und dass die großen Geschenke im Leben umsonst sind.

APA: In dieser immer gleichen Geschichte gibt es aber doch einige unterschiedliche Schichtungen. So kommt „der Mann mit Hut“ mehrfach vor, es gibt „unmögliche“ Dialoge, etwa zwischen Schuhen, Eheringen oder Kühen, oder ganz spezielle historische Rückblicke.

Schneider: Die Klammer des Buches ist vielleicht der ironische Blick auf mich als Schriftsteller. Natürlich bin ich der „Mann mit Hut“ - obwohl ich nie Hüte trage -, der ein Optimist wider die Einsicht ist und dem Menschen das Konstruktive mehr zutraut als die Destruktion. Natürlich liebe ich die Frage: Was wäre, wenn? Gerade, wenn es um sogenannte Historizität geht. Es war einfach sehr amüsant, einen Baggerfahrer im Nildelta zu erfinden, der eine Stele ausbuddelt, nach deren Untersuchung sich herausstellte, dass wir die Hieroglyphen bisher falsch übersetzt haben. Oder dass es nie zur Mondlandung gekommen wäre, hätte ein gewisser Robert Seamans von der NASA einen bestimmten Brief in den Papiereimer gepfeffert. Das wollte er nämlich. Es sind die angeblichen Lächerlichkeiten, die mich so faszinieren. Und die allerletzte Geschichte des eitlen Schriftstellers André de Krakan, der die Buchrechte seinem Sohn vermacht, womit dieser gar keine Freude hat - das bin ich natürlich auch. Wenn etwas bleiben soll, dann ein Schmunzeln.

APA: Was wohl bleiben wird, ist Ihr Debütroman „Schlafes Bruder“, der ein Welterfolg wurde und auch in Film, Oper, Theater und Tanztheater weiterlebt. Der Reclam Verlag hat soeben eine „bibliophile Neuausgabe zum 30-jährigen Werkjubiläum“ herausgebracht. Wie blicken Sie heute auf dieses Buch?

Schneider: Die Wirkung dieses Buches hat mein äußerliches Leben sehr geprägt. Bis heute. Natürlich habe ich mich verändert, und die Welt ist auch eine andere geworden, in der ich lebe. Dennoch bleibt „Schlafes Bruder“ ein Teil von mir, auch wenn ich ein so archaisierendes Literaturexperiment nicht mehr wagen würde. Es wird also kein Sequel geben, Ehrenwort.

APA: Ihre letzte große literarische Veröffentlichung war - abgesehen von dem Kinderbuch „Der Schneeflockensammler“ - vor 15 Jahren „Die Offenbarung“. Warum diese lange Pause?

Schneider: Tatsächlich gab es keine Notwendigkeit mehr, ein Buch zu schreiben. Ich kann das gar nicht erklären. Es war einfach so. Dann kamen die Kinder, und ich hatte so großen Spaß daran, mit ihnen meine Zeit zu „vergeuden“. Bis mich eines Tages der Charme der kleinen Erzählform gefesselt hat. Und so entstanden diese 101 Mikromärchen in einem Rutsch.

APA: Wie schwer war es jetzt, dafür einen Verlag zu finden und den Wiedereinstieg in die Branche zu schaffen?

Schneider: Ich bin in all den Jahren mit meinem Lektor Throsten Ahrend freundschaftlich verbunden geblieben. Er hat „Schlafes Bruder“ damals bei Reclam/Leipzig lektoriert. Oft haben wir in späteren Jahren gescherzt: Es wäre doch schön, wenn wir beide noch einmal ein Buch zusammen machen könnten. Ahrend hat eine große Karriere bei Suhrkamp gemacht, ist Lektor von Peter Handke und Martin Walser geworden, ging dann zu Wallstein, einem der schönsten Literaturverlage Deutschlands. Im vergangenen Frühherbst habe ich ihm und dem Verleger das Manuskript geschickt und gefragt: Wollt ihr das machen? Dann saßen wir weißen, alten Männer bei der Lektoratsarbeit zusammen wie damals, als wir dreißig waren. Das hat mich schon gepackt.

APA: Sind Sie dauerhaft zur Kurzprosa gewechselt? Haben Sie dem Roman abgeschworen?

Schneider: Nein, ich arbeite gerade an einem Roman.

APA: Wir leben in seltsamen Zeiten, eine Pandemie zwingt uns zur Vereinzelung, die Gegenmaßnahmen spalten die Gesellschaft. Gleichzeitig warnen Wissenschafter, dass wir dabei sind, die Welt unwiderruflich zugrunde zu richten. Wie gehen Sie persönlich mit dieser Situation um?

Schneider: Österreich brennt. Wer geimpft ist, hat nur noch eine Möglichkeit: die Feindseligkeit gegen Ungeimpfte zu beenden, sich wieder daran zu erinnern, dass wir einmal Mitmenschen waren. Das müsste uns Geimpften doch nicht so schwer fallen, weil wir ja zumindest einen gewissen Schutz haben. Ich habe lange gebraucht, meine Sicht auf die Pandemie zu finden. Von der anfänglichen Wut über die Panikmache in den Medien, über Kurzens Worte von dem Toten zu Ostern in jeder Familie, bis zur Erkenntnis, dass es für mich eine ethische Pflicht ist, mich impfen zu lassen.

Ob ich jetzt will oder nicht: Ich muss akzeptieren, dass Menschen nicht über ihren Körper verfügen lassen, dass sie, so absurd das klingt, ihr Recht auf Kranksein einfordern. Der Zwiespalt bleibt und die Frage: Wo endet die Freiheit? Das ist der eine Aspekt. Der andere ist, dass wir schmerzlich lernen müssen, dass unsere Welt unverfügbar ist. Dass kein Virologe, kein Politiker auf dieser Welt der Master of Desaster ist. Das hat man uns einzureden versucht. Jetzt kommt es darauf an, ob wir mit den Verletzungen, Enttäuschungen und vor allem mit dem Ungewissen umgehen lernen und uns aussöhnen - ich verwende ganz bewusst dieses Wort. Es ist nämlich ein gutes Wort.

(Die Fragen stellte Wolfgang Huber-Lang/APA per E-Mail)

ZUR PERSON: Robert Schneider. geb. 1961, lebt in Vorarlberg, wo er aufgewachsen ist. Er studierte Komposition, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte in Wien und landete 1992 mit seinem Debütroman „Schlafes Bruder“ einen in viele Sprachen übersetzten, mehrfach ausgezeichneten und von Joseph Vilsmaier verfilmten Welterfolg. Es folgten u.a. die Romane „Die Luftgängerin“ (1998), „Die Unberührten“ (2000), „Schatten“ (2002), „Kristus“ (2004) und „Die Offenbarung“ (2007) sowie das Kinderbuch „Der Schneeflockensammler“ (2020). Geldprobleme brachten ihn 2018 vor Gericht, wo er freigesprochen wurde. Schneider ist mit einer Linienflugpilotin verheiratet und hat drei Söhne.

(S E R V I C E - Robert Schneider: „Buch ohne Bedeutung“, Wallstein Verlag, 212 S., 24,70 Euro, ISBN 978-3-8353-5195-0; Lesungen: 25.2., 20 Uhr: Literaturhaus Liechtenstein, Schaan; 23.3., 19.30 Uhr: Theater am Saumarkt, Feldkirch; Robert Schneider: „Schlafes Bruder“, Jubiläumsausgabe mit einem Nachwort von Rainer Moritz, Reclam Verlag, 224 S., 25,70 Euro, ISBN: 978-3-15-011390-5)


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