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Ukrainische Regierung sieht „Morgendämmerung“ im Krieg

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Vier Tage nach Beginn des russischen Angriffskriegs wächst in der Ukraine die Hoffnung, den Invasoren standhalten zu können. „Die Dunkelheit wird zurückweichen. Die Morgendämmerung ist nahe“, teilte der ukrainische Verteidigungsminister Olexij Resnikow am Sonntag in der Früh auf Facebook mit. In der Nacht hatte es wieder schwere Kämpfe gegeben, doch blieb es in der Hauptstadt Kiew vergleichsweise ruhig. Für Aufsehen sorgten Explosionen einer Gaspipeline und einer Raffinerie.

Resnikow sprach von „drei Tagen, die unser Land und die Welt für immer verändert haben“. Dabei sei es den Russen nicht gelungen, wie geplant Kiew zu erobern. „Stattdessen sehe ich eine heldenhafte Armee, eine siegreiche Wache, furchtlose Grenzwächter, engagierte Retter, zuverlässige Polizisten, unermüdliche medizinische Engel.“ Die Ukraine erwarte nunmehr Hilfe, die vor drei Tagen nicht möglich schien, sagte er in Anspielung auf die am Samstag angekündigten Waffenlieferungen mehrerer westlicher Staaten, darunter auch Deutschland. In der Nacht hatte die Armee mitgeteilt, es gebe russische Angriffe „aus allen Richtungen“, denen aber „entschlossener Widerstand“ entgegengesetzt werde.

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„Es ist ruhig im Zentrum von Kiew. Am ruhigsten seit dieser Vollidiot in Moskau den Krieg erklärt hat“, schrieb der frühere Botschafter in Österreich, Olexander Scherba, am Sonntag in der Früh auf Twitter. Im Vorort Wassylkowo wurde nach Medienberichten eine Raffinerie von Raketen getroffen und in Brand gesetzt. Das Feuer war auch nach Stunden von Kiew aus zu sehen. Die Behörden riefen die Bewohner auf, ihre Fenster zum Schutz vor giftigen Dämpfen zu schließen. Einem Fernsehbericht zufolge wurde bei den Kämpfen auch ein Lager mit radioaktiven Abfällen in Kiew getroffen. Ersten Messungen zufolge bestand aber keine Bedrohung für die Bevölkerung außerhalb der Schutzzone.

Unbestätigten Berichten zufolge schaltete die ukrainische Armee auch ein tschetschenisches Sonderkommando aus, das offenbar für die Liquidation der politischen Führung ins Land geschickt worden war. Dabei sei auch der Kommandant, General Magomed Tuschajew, getötet worden, wie ein Gefangener später verraten habe, berichtete die Zeitung „Ukrainska Pravda“. Laut dem Onlinemedium „Kyiv Independent“ wurden die Angaben mittlerweile auch vom ukrainischen Präsidialamt bestätigt. Die Zerschlagung des Kommandos soll beim umkämpften Flughafen Hostomel im Norden Kiews erfolgt sein.

In der Nähe der ostukrainischen Stadt Charkiw explodierte eine Gaspipeline. Sie soll von der russischen Armee in die Luft gejagt worden sein. Zu dem Video der Explosion, das von der Agentur Unian verbreitet wurde, hieß es, dass es sich dabei „nicht um einen nuklearen Angriff handelt, auch wenn es so aussehen mag“. Unklar war, ob es sich bei der Leitung um eine regionale Erdgasleitung oder um einen Teil der aus Russland nach Europa führenden Leitungen handelt.

Bei Cherson im Süden sei dagegen russischen Einheiten nach erbitterten Kämpfen ein Vorstoß gelungen. Auch in der Region Luhansk tobten demnach schwere Kämpfe. Dort meldeten die Separatisten, dass eine ukrainische Rakete ein Ölterminal in der Stadt Rowenky getroffen habe. Die Angaben ließen sich nicht von unabhängiger Seite überprüfen.

Die ukrainische Regierung sah die Lage im Land weiterhin unter Kontrolle. „Wir kontrollieren alles, was in den Regionen passiert“, sagte Präsidentenberater Mychailo Podoljak in der Nacht auf Sonntag. Ein Vertreter des Pentagons sagte am Samstagabend (Ortszeit), es gebe Anzeichen dafür, dass die Russen „zunehmend frustriert sind, weil sie in den letzten 24 Stunden, insbesondere in den nördlichen Teilen der Ukraine, nicht vorankommen“. Der Widerstand sei größer als von den Russen erwartet, sagte der US-Beamte.

In Kiew galt ab Samstagnachmittag eine Ausgangssperre. Bis Montag in der Früh darf demnach niemand des Haus verlassen. Begründet wurde die Maßnahme mit dem Kampf gegen Saboteure, die den Invasoren bei der Auswahl von Zielen helfen sollen. Die ukrainische Armee rief die Bevölkerung auf, den russischen Vormarsch mit allen Mitteln zu stoppen, etwa durch Barrikaden aus Bäumen und Molotow-Cocktails. Die ukrainische Straßenverwaltung rief zudem dazu auf, alle Straßenschilder und Ortstafeln im Land abzumontieren, um die Invasoren zu verwirren.

Russland hatte am Samstag eine Ausweitung der Kampfhandlungen insbesondere in Kiew angedroht. Der Kreml behauptete, die Ukraine habe am Samstag Friedensverhandlungen mit Russland abgelehnt. Die ukrainische Führung dementierte.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte seine Landsleute in Videobotschaften am Samstag zur Abwehr russischer Angriffe aufgerufen. Ihm zufolge „sind mehr als 100.000 Eindringlinge in unserem Land“. Nach UNO-Angaben sind 300.000 Menschen in der Ukraine auf der Flucht. Allein in Polen sind nach Regierungsangaben bisher 100.000 Flüchtlinge aus dem Nachbarland angekommen.

Von beiden Kriegsparteien hatte es am Samstag militärische Erfolgsmeldungen gegeben. Das ukrainische Militär erklärte, man habe 3.500 russische Soldaten getötet und 200 weitere gefangen genommen. Zudem seien 14 Flugzeuge, acht Hubschrauber und 102 Panzer sowie mehr als 530 weitere Militärfahrzeuge zerstört worden. Russland meldete seinerseits, es seien mehr als 800 ukrainische Militärobjekte „außer Gefecht“ gesetzt worden. 14 Militärflugplätze, 19 Kommandoposten, 24 Flugabwehr-Raketensysteme vom Typ S-300 und 48 Radarstationen seien zerstört, acht Marine-Boote der Ukraine getroffen worden. Russische Truppen hätten die Kontrolle über die südostukrainische Kleinstadt Melitopol.


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