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Durchs Fegefeuer mit „Zehn Ave Maria“ in die queere Hölle

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Angeblich hat Gott am Ende der ersten Woche den Menschen als Krönung der Schöpfung auf den paradiesischen Boden gesetzt, damit er sich um alles kümmere. Das Dokumentartheater „Zehn Ave Maria“ von Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura beleuchtet, wie sich der Mensch als Verwalter der Religion durch die Jahrhunderte angestellt hat, sodass am Ende die Frage steht: „Hat es sich gelohnt?“. Gelohnt hat sich jedenfalls die Premiere Samstagabend in den Linzer Kammerspielen.

Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura sind dem Linzer Publikum bereits bekannt: In früheren Spielzeiten haben sie die städtische Swap-Affäre und die Geschichte der voestalpine auf die Bühne gebracht und gezeigt: Doku funktioniert nicht nur im Film. Diesmal sind die katholischen Christen an der Reihe. Die Darsteller setzten Himmel und Hölle in Bewegung, um die Premiere am Samstag plangemäß stattfinden zu lassen: Virusbedingt fiel ein Schauspieler aus, und die verbliebenen fünf übernahmen den frei gewordenen Part mit.

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Nicht nur deshalb gab es viel Applaus für gelungenes Teamwork. Das Stück ist auch ohne Aushilfe textintensiv. Das Ensemble ist praktisch durchgehend auf der Bühne, trägt aus alten Dokumenten, Zeitungsberichten und Briefen vor, lockert das Ganze mit Gesang (musikalische Leitung: Nebojša Krulanović) auf und baut nebenbei immer wieder selbst die Bühne um. Dass das Stück ein bisschen weniger temporeich ist als die beiden vorangegangenen Dokutheater, kommt dem Thema zupass.

Anfangs rollen die Planetenkugeln auf der Bühne herum, dann blöken die ersten Schafe, zwitschern die ersten Vögel, alles ist so schön idyllisch - bis zur verhängnisvollen Affäre mit dem Apfel. Dura und Kroesinger spannen den Bogen von diversen Schöpfungsmythen bis zur Zukunft, von der verderbten Eva bis zur braven Maria, vom Paradies bis zur Hölle, natürlich über den Umweg des guten alten Fegefeuers, von strengen Katecheten zu Arbeiterpfarrern - es bleibt aber nicht bei diesen Allgemeinplätzen. Man hat auch in oberösterreichischen Archiven gewühlt.

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Wie gewohnt gibt es daher einen starken regionalen Fokus: So erfährt man über die „Generalbeichte“ beim Pater Gabriel, einen Missbrauchsfall, der 1871 die Zeitungen füllte, und lernt den Lehrer Rohrweck kennen, der sich ob der von ihm vermittelten Inhalte den Ärger des Linzer Bischofs Rudigier zuzog. Jener Bischof und Namensgeber des Linzer Doms kam mit der neuen Weltordnung, in der plötzlich der Staat mehr zu sagen hatte als die Kirche, gar nicht gut zurecht, dafür umso besser mit seinem „Katholischen Volksverein“ mit null Prozent Frauenquote. Ein Stück oberösterreichischer Folklore.

Endstation des Stücks ist die Hölle, deren Feuer Ausstatter Rob Moonen in Regenbogenfarben leuchten lässt - naheliegend wenn man der Lesung der „Persona humana“, der immer noch gültigen Erklärung der Glaubenskongregation zur katholischen Sexuallehre, lauscht. Wir sind angekommen in der Neuzeit - queeres Aufbegehren, Klimaschutz und Materialismus. „Geh Herrgott hiazt kauf ma an Mercedes Benz“, am besten gleich noch mit Sonderausstattung Heiligenschein, denn der steht einem selbst ohne Religion gut.

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