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Ernüchternde Bilanz nach „50 Jahre Grenzen des Wachstums“

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Vor 50 Jahren, am 2. März 1972, präsentierten Forscher um Dennis Meadows die im Auftrag des „Club of Rome“ erstellte Studie „The Limits to Growth“ (Die Grenzen des Wachstums). Meadows plädiert heute für ein „proaktives, friedliches, gerechtes und allmähliches Schrumpfen“. Auch Wiener Politikwissenschafter erachten „Initiativen und Regeln für gesellschaftliche Selbstbegrenzung“ für notwendig. Für sie macht der Jahrestag „ein halbes Jahrhundert Versagen der Politik“ deutlich.

Die Studie „Die Grenzen des Wachstum“ - in Buchform über 30 Millionen Mal in 30 Sprachen verkauft - löste eine breite wissenschaftliche und öffentliche Diskussion über die natürlichen Grenzen der Menschheit aus. Die Umweltwissenschafterin Donella Meadows (1941-2002) und der Ökonom Dennis Meadows vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) hatten mit Kollegen ein Computermodell entwickelt und verschiedene Entwicklungspfade der Menschheit anhand von Variablen wie Ressourcen, Nahrung, Umweltverschmutzung, Wirtschaftswachstum oder Bevölkerungswachstum simuliert. Sie kamen zum Schluss, dass eine strikte Kontrolle von Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum notwendig sei, um ein Gleichgewicht zwischen der Entwicklung der Menschheit und den planetaren Grenzen herzustellen.

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Sollte aber die Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhalten, würden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde in den nächsten 100 Jahren erreicht. Und dies würde mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem raschen und nicht aufhaltbaren Absinken der Bevölkerungszahl, der Ressourcen und des Wirtschaftswachstums führen - verbunden mit schweren Krisen bis hin zum Zusammenbruch der Gesellschaft.

„Die Menschheit hat die Tragfähigkeit der Erde schon vor mindestens zwei Jahrzehnten überschritten. Daher ist es nicht mehr möglich, ein Kippen der von uns berechneten Variablen zu vermeiden“, betonte Dennis Meadows anlässlich des Jahrestags in einem Statement gegenüber dem deutschen Science Media Center. Zweifelsfrei werde die Nutzung des Planeten wieder auf ein nachhaltiges Niveau sinken. „Aber so sicher das Ergebnis ist, die Mittel, um es zu erreichen, sind es nicht: Es wird sich entweder durch proaktives gesellschaftliches Handeln einstellen oder durch die Katastrophen eines überlasteten Planeten erzwungen“, so Meadows.

Der Wissenschafter, der heuer 80 Jahre alt wird, sieht die Herausforderung darin, „proaktiv ein friedliches, gerechtes und allmähliches Schrumpfen zu erreichen, das die verbleibende Fruchtbarkeit des Planeten am besten bewahrt“. Erleichtern würden dies drei Initiativen: „Erstens: Anerkennen, dass die Periode des globalen Wachstums beendet ist. Zweitens: Beginn der Entwicklung neuer Gesellschafts-, Wirtschafts-, Politik- und Naturwissenschaften, die der Menschheit realistische Optionen aufzeigen und sie bei der Wahl dieser Optionen im kommenden Jahrhundert des Schrumpfens leiten werden. Drittens: Verlagerung des Ziels allen Handelns auf allen Ebenen - persönlich, in der Familie, zu Hause, in Organisationen, Gemeinschaften, auf der ganzen Welt - von Maximierung der Effizienz zur mehr Resilienz, mehr Anpassungsfähigkeit.“

Für Alina Brad und Ulrich Brand vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien ist die vor 50 Jahren veröffentlichte Studie „von dramatischer Aktualität und zeigt das Versagen der Politik“. Dass „Die Grenzen des Wachstums“ eine so breite Resonanz ausgelöst habe, sei wohl weniger auf die wissenschaftlichen Ergebnisse zurückzuführen, sondern auf den Unmut über die gesellschaftlichen Entwicklungen, so Brad in einer Aussendung des Wissenschaftsnetzwerks „Diskurs“. Heute würden dafür die Berichte des Weltklimarates IPCC stehen. „Die Gesellschaft entwickelt über solche Studien ein Verständnis ihrer Probleme und Krisen, aber auch über verschiedene Handlungsoptionen. Doch es wird an ihnen das komplette Versagen der Politik deutlich. Die Politik appelliert an die Individuen, ökologischer zu konsumieren, lässt aber die wirtschaftlich Mächtigen weitgehend unangetastet“, so Brad.

Die Politikwissenschafter erinnern in diesem Zusammenhang an den Vorschlag der Autorinnen und Autoren der Studie vor 50 Jahren, auch das Kapitalwachstum zu begrenzen und wirtschaftliche Gleichgewichte zu schaffen. Doch der Expansionsdrang der kapitalistischen Wirtschaft habe sich seither eher intensiviert. „Viele Studien zeigen: Die Vorstellungen einer Grünen Ökonomie, nämlich Umweltschutz und Wirtschaftswachstum zu versöhnen, wird nicht klappen.“ Und auch die aktuelle Fixierung auf technologische Lösungen im Kampf gegen die Klimakrise seien schon damals zurückgewiesen worden.

Brand ist der Ansicht, dass „die Klimakrise mit politischen Maßnahmen gestoppt werden muss, nämlich durch eine Begrenzung der Expansionsdynamik der Wirtschaft“. Weil die ökologische Krise per se nicht zu mehr Einsicht führe, müssten „Formen der Selbstbegrenzung in harten Konflikten durchgefochten werden“. Gemeinsam mit zahlreichen weiteren Autoren aus 13 Ländern sprechen sich Brad und Brand in einer kürzlich im Fachjournal „Sustainability: Science, Practice and Policy“ veröffentlichten Arbeit einerseits für „nachhaltige Konsumkorridore aus, die nicht nur Mindeststandards für ein gutes Leben setzen und damit Armut bekämpfen“. Es brauche andererseits aber auch „gesellschaftlich ausgehandelte und politisch abgesicherte Obergrenzen für Konsum“.

„Gerade wohlhabende Menschen müssen deutlich weniger Ressourcen verbrauchen und Treibhausgase ausstoßen“, so Brand. Die Selbstverständlichkeit eines Zweit- oder Drittautos, eines Zweithandys oder der Wochenendausflug mit dem Flugzeug müssten hinterfragt werden, wobei dies „nicht als Verzicht thematisiert werden sollte, sondern als gesellschaftliche Norm und politische Regel in Zeiten der Übernutzung des Planeten“. Für den Politikwissenschafter bedeutet „ein Leben in Freiheit eben nicht, immer und überall tun zu können, was man will und wenn man das nötige Geld dafür hat. Es müssen auch die Auswirkungen auf andere Menschen und auf die Natur berücksichtigt werden“.

Aus diesem Grund plädieren sie für eine Abkehr von planetarischen Grenzen, hin zu einer Welt der „gesellschaftlichen Grenzen“, wo die Bedingungen für ein gutes Leben „durch einen kollektiven Prozess definiert werden, der gesellschaftspolitische Konflikte berücksichtigt und von der Fähigkeit der anderen abhängt, das Gleiche zu tun“. Die Freiheit werde dabei durch einen gerechten, abwägenden Prozess gewährleistet, der zu sozialen und politischen Regeln führt, die die wesentlichen Bedingungen für ein gutes Leben für alle garantieren. „Die Befreiung von der fremdbestimmten, allgegenwärtigen Logik der ungebremsten Expansion und Beschleunigung sichert den individuellen und kollektiven Wert der Freiheit, nicht auf Kosten anderer leben zu müssen“, schreiben die Wissenschafter in ihrer Arbeit.

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