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Linda“ im Grazer Schauspielhaus: Die unsichtbare Frau ab 50

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Eine beruflich erfolgreiche Frau mit Ehemann, Töchtern und einem Vorzeige-Leben schlägt hart am Boden der Realität auf, als sie mit Mitte 50 feststellt, weder im Job noch bei ihrem Mann die Allerbegehrteste zu sein: Penelope Skinner hat mit „Linda“ eine Ansammlung von Stereotypen über das weibliche Älterwerden zu einem Drama montiert, das mit trockenem Humor und treffsicheren Momentaufnahmen bei der Premiere am Freitag im Grazer Schauspielhaus viel Beifall erntete.

Linda, 55, arbeitet erfolgreich in der Kosmetikbranche und muss tatenlos zusehen, wie eine jüngere Kollegin mehr und mehr ihren Platz einnimmt. Für ihren Ehemann gehört sie eher zum Wohnungsinventar, so wenig Beachtung schenkt er ihr. Die beiden Töchter an der Schwelle zum Erwachsensein sind ihr längst entglitten und kämpfen selbst ganz unterschiedlich mit ihrer Weiblichkeit. Zuletzt verliert sie den Job, der Ehemann betrügt sie und die Mädchen scheitern an einer Realität, die viele Möglichkeiten nur vorgaukelt.

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Natürlich verschärft die Tatsache, dass die Protagonistin ausgerechnet in der Schönheitsindustrie arbeitet, die Konflikte besonders bezüglich des Äußeren. Dass eine erfolgreiche, attraktive Frau ernsthaft betrübt ist, dass ihr keine Bauarbeiter mehr nachpfeifen, ist vermutlich auch nur partiell zutreffend. Ihre - berechtigten - Gefühlsausbrüche manövrieren sie nur weiter ins Abseits, im Strudel der eigenen Gefühle bemerkt sie auch die Verzweiflung der Töchter nicht. Nach allen Emanzipationsbestrebungen, Feminismusdebatten und Gleichbehandlungsbestrebungen scheitern Frauen und Mädchen immer noch an Gegebenheiten, die sich nicht wegdiskutieren lassen, sosehr überholte Rollenbilder und tradierte Verhaltensmuster auch bekämpft werden mögen.

Regisseur Dominique Schnizer stellt die Geschichte in der gleichen Klarheit auf die Bühne, die auch die Ausstattung auszeichnet (Christin Treunert). Es geht nicht um originelle Ideen, sondern um eine treffsichere Zeichnung der Figuren, und das ist gelungen. Beatrix Doderer zeigt Linda in allen Facetten von stark und mutig bis verzweifelt, immer glaubhaft und ohne Larmoyanz. Als ihr solider, aber nicht besonders spritziger Ehemann kämpft Franz Solar um einen Rest Jugend in Form einer jungen Geliebten (Natalja Joselewitsch). Berührend Daria von Loewenich als Tochter Alice, die sich vor ihrer eigenen Weiblichkeit versteckt, während Stieftochter Bridget (Iman Tekle) die geltenden Regeln aufbrechen möchte. Sarah Sophia Meyer lässt als skrupellose Amy schon ahnen, dass sie genau wie Linda enden wird. Lukas Walcher darf in der Rolle des esoterisch-gelassenen Bürogehilfe für viel Heiterkeit sorgen, und Franz Xaver Zach ergänzt als eindimensionaler Macho-Chef das Ensemble. Eine Aufführung, die durch ihre punktgenaue Betrachtungen für Lachen mit bitterem Beigeschmack sorgt.

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