Entgeltliche Einschaltung

Überzeugende Uraufführung: „Adern“ im Akademietheater

  • Artikel
  • Diskussion

Ein Abend, an dem so gut wie alles stimmt. Das gibt es am Theater nicht eben häufig. Am Sonntag begab sich im Akademietheater so ein Fall. Das Stück „Adern“ der jungen Tirolerin Lisa Wentz erwies sich als wahre Goldader und bot in der sensiblen Uraufführung durch David Bösch den Schauspielern (allen voran Sarah Victoria Frick und Markus Hering) Gelegenheit, eine unspektakuläre Geschichte zu erzählen, die einem dennoch naheging: ein Familienschicksal im Nachkriegs-Österreich.

Wir schreiben das Jahr 1953. Am Bahnhof von Brixlegg trifft Aloisia ein. Sie hat sich auf eine Zeitungsannonce gemeldet. Der Bergmann Rudolf sucht jemanden, der sich um seine fünf Kinder kümmert. Seine Frau ist an Keuchhusten gestorben. Aloisia ist die erste Bewerberin, die von seinen Kindern akzeptiert würde. Doch sie macht gleich am ersten Abend klar: Ohne Heirat bleibt sie nicht. - Schon bei der ersten Begegnung dieser beiden Menschen hat man das Gefühl, dass hier vieles richtig gemacht wird. Die Autorin lässt im Text enorm viel Freiraum für Gedanken und Gefühle, für Sprachlosigkeit und Unsicherheit. Frick und Hering nutzen diesen Raum für kleine Gesten, Gehemmtheiten und Andeutungen. In der Stille tasten sie sich aneinander heran. Sie haben viele Verletzungen durch die Vergangenheit (Aloisia ist mit einer kleinen Tochter angereist, der Vater, ein französischer Besatzungssoldat, hat schon länger nichts von sich hören lassen) und wenig Vertrauen in eine glückliche Zukunft. Und doch entsteht etwas Gemeinsames.

Entgeltliche Einschaltung

Lisa Wentz, 1995 in Tirol geboren, hat mit „Adern“ im Vorjahr den Retzhofer Dramapreis gewonnen. Die Jury hob ihre „Dramaturgie der Stille, ähnlich den Dramen Ödön von Horváths“, die „dialogische Könnerschaft“ und ihre gekonnten Zeitsprünge hervor. Tatsächlich wird vieles nur angedeutet und nicht auserzählt. Die biografischen Sprünge der bis Anfang der 1970er-Jahre reichenden Familiengeschichte, deren Motive Wentz aus ihrer eigenen Familie entnommen hat, können von den Zuschauern mühelos nachvollzogen werden. Bösch hat die zeithistorischen Facetten, die das Stück mittels Nachrichtensequenzen immer wieder einbringt, auf ein Minimum reduziert und lässt dem Rauschen des alten Radios, dem Flimmern des ersten Fernsehers und dem Flackern des ersten selbst gedrehten Ferienfilms mehr einen Symbolwert zukommen.

Dass der 90-Minuten-Abend auch ästhetisch keine Retro-Show wird, dafür sorgt nicht nur die Bühne Patrick Bannwarts, der ein drehbares Miniatur-Haus, in dem ein einziges Zimmer Platz findet, zum Zentrum macht, sondern auch das Stück selbst: Unter Tag haben Rudolf und sein Kumpel Danzel (Daniel Jesch) Dinge erlebt, über die man über Tag nicht leicht ins Reden kommt. Lisa Wentz holt Stimme, Schläge und Erinnerungen aus dem Berginneren immer wieder an die Oberfläche und schafft so eine metaphysische Ebene, die sich bei Bösch in Gestalt von Elisa Plüss als eine gefährlich verführerisch Allegorie namens „Die Berg“ manifestiert. Plüss ist auch die Tochter Theres, die Rudi zum ganz in den Enkel vernarrten Großvater macht, Andrea Wenzl bleibt als Aloisias in St. Pölten bei der Mutter lebende Schwester Hertha eine Randerscheinung.

Jetzt einen von drei Weber Grill gewinnen

TT-ePaper 4 Wochen gratis ausprobieren, ohne automatische Verlängerung

Ein dunkles Geheimnis von früher, das wohl mit den Zwangsarbeitern in den Flugzeughallen im Berg zu tun hat, kommt nie so recht ans Licht. Dafür wird der erste gemeinsame Urlaub von Rudolf und Aloisia schon der Beginn eines Abschiednehmens. „Adern“ endet traurig, aber nicht kitschig. Den großen Schlussapplaus konnte zwar der abwesende Regisseur nicht entgegennehmen, sehr wohl aber die junge Autorin. Die bekam auch noch von Vizedirektorin Alexandra Althoff einen großen Blumenstrauß überreicht. Namens der Direktion bedankte sie sich bei Lisa Wentz für das „tolle Stück“. Eine schöne Geste. Und ein Versprechen für die Zukunft.

)


Kommentieren


Schlagworte

Entgeltliche Einschaltung