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Intendantin Degot prangert „putinistischen Faschismus“ an

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Ekaterina Degot ist am Donnerstag für weitere fünf Jahre als Intendantin des steirischen herbst bestätigt worden. Die APA sprach mit der 63-jährigen Russin aus diesem Anlass über ihre Pläne für die weiteren Jahre ihrer Intendanz und den Krieg in der Ukraine.

APA: Sie sind nun bis 2027 als Intendantin des steirischen herbst verlängert worden. Seit wann wussten Sie, dass Sie in Graz bleiben wollen? Was bedeutet Graz für Sie?

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Ekaterina Degot: Seit dem ersten Tag meiner Intendanz wusste ich, dass Graz und die Steiermark mein Kontext sind, mit vielen verborgenen und offenen historischen Konflikten, vielen unbeantworteten Fragen, einer dramatischen Zusammensetzung von Barock und Postmoderne, einer starken slawischen Präsenz. Das Land und die Stadt sind faszinierend und stimulieren Künstler:innen wie Autor:innen.

APA: Wie soll sich der „herbst“ in den kommenden Jahren unter ihrer Führung entwickeln? Was sind ihre Vorstellungen? Wird die aktuelle Thematik Krieg in Europa schon in das diesjährige Programm Eingang finden?

Degot: Wir arbeiten immer zeitgemäß und ortsspezifisch, das heißt, der Krieg, der gleich um die Ecke stattfindet, wird unser Programm tief durchdringen und manchmal direkt präsent sein, manchmal als Andeutung. Er wird auch Erinnerungen an andere Kriege wachrufen, auch an den Kalten Krieg, der für den steirischen herbst so relevant war.

APA: Werden Sie künftig auch mit russischen Künstlern weiter zusammenarbeiten, und wenn ja, unter welchen Prämissen?

Degot: Ich kenne die russische Szene sehr gut, und ich muss nicht extra prüfen, ob jemand Putinist oder Anti-Putinist ist oder zur schweigenden Mehrheit gehört. Unter den gegenwärtigen Umständen werde ich nur mit denen zusammenarbeiten, die meine Positionen teilen: Der putinistische Faschismus muss gestoppt werden, aber dafür müssen seine komplexen Wurzeln aufgedeckt und verstanden werden. Diese Wurzeln sind europäisch, nicht rein russisch.

APA: Ist zu befürchten, dass es wegen des Krieges Ausfälle bei ukrainischen Künstlern, mit denen Sie zusammenarbeiten, geben wird, etwa weil Sie als Soldaten in den Krieg müssen?

Degot: Ich versuche, den Kontakt zu vielen meiner ukrainischen Freunde online aufrechtzuerhalten. Die meisten von ihnen bleiben in ihrem Land und helfen der Front auf jede erdenkliche Art und Weise oder posten herzzerreißende Zeugnisse russischer Verbrechen. Es ist ein heikler Augenblick, um sie zu bitten, diese dramatischen Erfahrungen in ein „normales“ Kunstwerk für ein westliches Publikum zu übersetzen. Aber es wird irgendwann geschehen und ich werde es unterstützen.

APA: Sehen Sie einen breiten Widerstand innerhalb der russischen Kunstszene gegen den Krieg von Wladimir Putin, beziehungsweise ist ein solcher früher oder später zu erwarten?

Degot: Wladimir Putin hat gestern gesagt, dass jeder, der jetzt in Russland „auf der Seite des Westens“ stehe, eine „fünfte Kolonne“ bilde und ein „Landesverräter“ sei. Ich würde schätzen, dass es derzeit etwa die Hälfte der Bevölkerung ist, auch wenn viele Angst haben, auf der Straße zu protestieren, und riskieren, geschlagen und inhaftiert zu werden. Unter den zeitgenössischen bildenden Künstler:innen, insbesondere den jungen, sind fast 100 Prozent gegen den Krieg. Ich wünschte, sie wären in ihrem Aktivismus mutiger, aber da ich sicher im Westen sitze, habe ich kein Recht, ihnen das zu sagen.

APA: Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach, beziehungsweise kann die Kunst überhaupt spielen, um den Konflikt in der Ukraine zu beeinflussen, und wenn ja, in welchem Ausmaß?

Degot: Zunächst einmal handelt es sich um einen von Russland begonnenen Krieg, nicht um einen Konflikt, und das offen auszusprechen, ist eine der Aufgaben der Kultur. Die Kunst muss heute mehr denn je die Wahrheit sagen. Künstler:innen können den Krieg nicht beenden, aber sie können dazu beitragen, wie wir über ihn denken und in Zukunft denken werden. Der Krieg in der Ukraine wird sehr weitreichende Auswirkungen haben. Kunst und Philosophie fangen gerade erst an, sich damit zu beschäftigen. Alle stehen unter Schock. Die ukrainischen Künstler:innen haben sich schnell aus diesem Schockzustand befreit. Die Russ:innen müssen sich erst noch mobilisieren.

APA: Können Sie sich unter den aktuellen Umständen vorstellen, jemals wieder in Russland leben zu wollen? Was wären die Voraussetzungen dafür?

Degot: Nur in einem Russland ohne Putin, ohne seine Anhänger:innen und ihre giftige isolationistische Ideologie, in einem völlig neuen Land, zu dessen Entstehung ich bereit bin, beizutragen, wenn die Zeit dafür gekommen ist.

APA: Glauben Sie, dass Putin diesen Krieg auf irgendeine Weise „gewinnen“ kann? Was wird ihn gegebenenfalls am Ende zu Fall bringen?

Degot: Leider ja. Putin kann immer noch gewinnen, auch wenn er nicht in der Lage sein wird, diesen Sieg zu halten. Viele Leute schmieden jetzt Pläne, wie sie ihn im Glauben lassen können, er habe gewonnen, während die Ukraine unabhängig bleibt. Ich werde voller Freude sein, wenn der Krieg zu Ende sein wird. Aber wenn er mit etwas anderem endet als mit einer klaren Niederlage des Putinismus, werde ich nicht ruhig schlafen können.

(Die Fragen stellte Andreas Stangl/APA)


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