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Simon Stones „Wozzeck“ als Lauferfolg an der Staatsoper

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Bisweilen gelingt einem Theatermacher ein genialer Ansatz an ein Werk, eine vielleicht auch nur rudimentäre Idee, die sich stimmig mit dem Stück verzahnt und neue Blüten treibt. Simon Stone ist einer jener Regisseure, dem dieser Funke immer wieder entspringt - so auch Montagabend in der Wiener Staatsoper. Seine Interpretation von Alban Bergs epochalem „Wozzeck“ wurde zum Erfolgslauf - auch im wörtlichen Sinne. Denn dieser Wozzeck ist ständig in Bewegung.

Der 37-jährige Australo-Schweizer Stone und sein Bühnenbildner Bob Cousins nehmen Bergs Konstruktion aktiv auf, seine Büchner-Adaption in 15 Szenen zu gliedern und inszenieren ein Kammerspiel aus vielen Kammern auf einer sich beinahe beständig bewegenden Drehbühne. Die Helden des Abends sind letztlich die Bühnenarbeiter, die in aberwitzigem Tempo im jeweils auditoriumabgewandten Teil einen Würstelstand, Schlafzimmer, U-Bahnstationen oder Friseursalon auf- und abbauen.

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Und doch geht diese schnelle Abfolge an Spielorten über den sich unweigerlich einstellenden filmischen Effekt hinaus. Stone abstrahiert vom vielfach zunächst naturalistisch anmutenden Ambiente, nutzt die Berg‘schen Zwischenspiele für Symbolbilder, wenn nicht nur in Wozzecks Hirn die ihn betrügende Marie im vervielfachten Schlafzimmer mit dem Tambourmajor Sex hat oder sich eine endlose Schlange vor dem Arbeitsamt entfaltet. Früh finden Gewaltfantasien in Wozzecks verwirrtem Geist einen Ausdruck auf der Bühne.

Hier ergänzt sich die Deutung mit der Rollengestaltung durch Christian Gerhaher, der in der Titelpartie erstmals an der Staatsoper zu hören ist. Der Wozzeck des 52-jährigen deutschen Liedexperten ist weniger herumgeschupstes Opfer denn irregeleiteter Verschwörungsgläubiger, ein Mensch, der an seinem Leben scheitert und dieses Scheitern in Gewalt sublimiert. Am Ende muss seine Freundin Marie mit Blut für ihn büßen, die von Anja Kampe als handfeste, nach Leben suchende Frau gezeigt wird.

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Einzig die Balance zwischen Sängern und Graben schwenkt zu Beginn noch zu stark in Richtung des Orchesters aus, bis Staatsopern-Musikdirektor Philippe Jordan am Pult das Ganze wieder einfängt und den durchaus kantablen Passagen Raum lässt. So legt Simon Stone mit seinem „Wozzeck“ bereits die fünfte Neuinszenierung des 1925 uraufgeführten Werks an der Staatsoper seit 1930 vor. Und eine, die überwiegend euphorisch aufgenommen wurde.

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