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Die letzten Reporter in Mariupol schildern Krieg und Flucht

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Als die „letzten internationalen Journalisten“, die in Mariupol „übrig waren“, berichten Mstyslav Chernov, Videoreporter der US-Nachrichtenagentur Associated Press (AP), und der Fotograf Evgeniy Maloletka aus der belagerten, ukrainischen Stadt von einer Menschenjagd auf sie. „Die Russen haben uns gejagt. Sie hatten Listen mit Namen, auch unseren, und sie waren uns immer dichter an den Fersen“, schreibt Chernov am Dienstag in einem Bericht.

Chernov, der in Charkiw aufwuchs, und Maloteka dokumentierten demnach die wochenlange Belagerung Mariupols. Als sie aus einem Spital berichteten, seien sie von ukrainischen Soldaten von dort weggebracht worden, schildert Chernov. „Wir sind hier, um euch hier herauszuholen.“ Bei der Aktion kamen sie unter Beschuss. „Die Wände bebten vom Artillerie- und Maschinengewehrfeuer draußen, und es schien sicherer drinnenzubleiben.“ Doch die Soldaten hätten ihre Befehle gehabt. . .

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Auf der Straße schlugen in der Nähe Granaten ein, „wir warfen uns auf den Boden. Die Zeit von einer Granate zur nächsten war genau bemessen, unsere Körper angespannt, Atem angehalten. Eine Schockwelle nach der anderen erschütterte meine Brust, meine Hände wurden kalt.“

Mit einem gepanzerten Wagen ging es dann in das Untergeschoß eines Hauses. Dort wartete ein Polizist auf sie, den sie kannten. Er, der sie bei einer früheren Gelegenheit gebeten hatte „der Welt meine sterbende Stadt zu zeigen“, bat sie nun diese Stadt, in der sie nur eine Stunde vor Kriegsbeginn am 24. eingetroffen waren, zu verlassen. „Ein Viertel der 430.000 Einwohner von Mariupol verließen die Stadt in diesen ersten Tagen, als sie das noch konnten. Aber nur wenige glaubten, dass der Krieg kommt. Als die meisten diesen Fehler mit der Zeit bemerkten, war es zu spät.“

„Mit je einer Bombe schnitten uns die Russen von Strom, Wasser, Nahrungsmittelversorgung und schließlich und entscheidend von Handys, Radio und Fernsehen ab“, schildert Chernov, wie er die kriegerische Gewalt erlebte. Die wenigen anderen Journalisten hätten Mariupol nun verlassen, „bevor die Totalblockade begann“.

Ohne Kommunikation habe Chaos geherrscht - und „Straflosigkeit“. „Ohne Informationen, die die Stadt verlassen, ohne Bilder von zerstörten Häusern und sterbenden Kindern konnten die russischen Streitkräfte tun, was immer sie wollten“, berichtet Chernov. „Deswegen sind wir solche Risiken eingegangen, der Welt mitzuteilen, was wir gesehen haben, und das hat Russland zornig genug gemacht, um Jagd auf uns zu machen. Ich habe nie zuvor gefühlt, dass es so wichtig ist, die Stille zu durchbrechen“, schreibt Chernov, der schon aus dem Irak oder Afghanistan berichtete.

Chernov berichtet von getöteten Kindern, von Menschen, die bei Hamsterkäufen in einem Einkaufszentrum beschossen wurden, und verwundet ins Spital eingeliefert wurden. Vom siebenten Stock des Spitals hätten er und Maloteka gesehen, wie Mariupol auseinandergefallen sei: Tote auf den Straßen, Massengräber. Dann der Angriff auf die Geburtsklinik - die Bilddokumente Chernovs und Malotekas davon bezeichnete die russische Seite als Fake News.

Die Frauen, die den Angriff überlebt hatten, die die beiden Reporter suchten, um vor diesem Hintergrund ihre Existenz erneut zu beweisen, fanden sie in dem Spital an der Frontlinie - „einige mit Babys, andere beim Entbinden. Wir erfuhren auch, dass eine Frau ihr Baby verloren hatte - und dann ihr eigenes Leben.“

Vom siebenten Stock des Spitals aus, um von dort wegen der halbwegs funktionierenden Internetverbindung das Video mit den Frauen abzuschicken, sah Chernov einen russischen Panzer nach dem anderen heranrollen. Das Krankenhaus wurde umzingelt: „Dutzende Ärzte, Hunderte Patienten und wir.“

Die ukrainischen Soldaten, die das Spital davor schützten, waren weg. Der Weg der Journalisten zu ihrem Auto durch einen russischen Scharfschützen blockiert. Nach Stunden dann die Rettungsaktion für Chernov und Maloteka durch die ukrainischen Soldaten.

Der Polizist, zu dem sie schließlich gebracht wurden, setzte sie in einen großen Konvoi mit Flüchtlingen, die die Stadt verließen.

Im Auto mit einer dreiköpfigen Familie ging es los. „An diesem Tag schafften es 30.000 Menschen aus Mariupol - so viele, dass die russischen Soldaten keine Zeit hatten, sich das Innere der Wagen genau anzusehen (...). Jede Minute war ein Flugzeug oder ein Luftschlag, der Boden bebte.“ So überstanden die Flüchtenden 15 russische Checkpoints und hatten es herausgeschafft.

„Wir waren die letzten Journalisten in Mariupol. Jetzt gibt es dort keine mehr.“ Bei der Zerstörung des Theaters und der Kunstschule in Mariupol, wo jeweils Hunderte Menschen Schutz suchten, waren Chernov und Maloteka nicht mehr vor Ort. Der Polizist hatte zu ihnen gesagt: „Wenn sie (die Russen) euch kriegen, werden sie euch zwingen, vor der Kamera zu sagen, dass alles, was ihr gefilmt habt, eine Lüge war. Alles was ihr für Mariupol getan habt, wäre dann umsonst gewesen.“

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