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Regielegende Michael Haneke feiert 80. Geburtstag

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Er ist der Meister des gnadenlosen Blicks, der kompromisslosen Analyse von Figuren und Beziehungen durch das Kinobild: Michael Haneke. Mit seinen Werken schrieb er ab Ende der 1980er nicht nur österreichische, sondern auch europäische Filmgeschichte. Am heutigen Mittwoch nun feiert der Oscar-Regisseur 80. Geburtstag - respektive wird gefeiert. Das Filmmuseum zeigt noch bis 2. Mai eine umfassende Retrospektive zum Œuvre des Filmemachers, und der Musikverein schließt sich an.

Im Klassiktempel hat Intendant Stephan Pauly Haneke eine Ausgabe der Schiene „Perspektiven“ gewidmet. Ab morgen bis 27. März werden Werke des Filmkünstlers in Bezug zu Musikstücken gesetzt. Und am Freitag spricht Haneke mit Otto Brusatti über seine Faszination für den Klang und den Umstand, dass er sich selbst als „Ohrenmenschen“ bezeichnet. Seine Liebe zur Klassik hatte Haneke, der einst die Karriereidee als Pianist ventilierte, eindrücklich, wenn auch spät im Lebenslauf selbst unter Beweis gestellt, als er 2006 in Paris den „Don Giovanni“ und 2013 für Madrid und Brüssel die „Così fan tutte“ inszenierte.

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Und doch: Ungeachtet aller Faszination für den Klang ist Haneke doch vor allem eines: Der Meister des Laufbildes. Dabei wäre dem späteren Filmemacher eigentlich das Theatergen in die Wiege gelegt worden. Schließlich wuchs der am 23. März 1942 geboren Haneke in Wiener Neustadt als Sohn der Burgschauspielerin Beatrix von Degenschild und des deutschen Regisseurs und Schauspielers Fritz Haneke auf.

Dennoch war der Weg ins Künstlerische zunächst mit einer Kurve verbunden, versuchte sich der junge Haneke doch zunächst als Student der Philosophie und Psychologie in Wien. Allerdings begann er bereits während des Studiums als Autor sowie Film- und Literaturkritiker seine Fühler in Richtung künstlerischer Arbeit auszustrecken. Von 1967 bis 1971 arbeitete Haneke dann als Redakteur und Fernsehspieldramaturg beim Südwestfunk in Baden-Baden, wobei in dieser Zeit sein erstes, unverfilmt gebliebenes Drehbuch „Wochenende“ entstand, dem sich 1973 mit „...und was kommt danach? (After Liverpool)“ der erste Fernsehfilm anschloss. Es folgten TV-Arbeiten nach Vorlagen von Ingeborg Bachmann („Drei Wege zum See“), Peter Rosei („Wer war Edgar Allan?“) oder Franz Kafka („Das Schloss“).

Zugleich hatte Haneke Anfang der 70er als Bühnenregisseur am Stadttheater Baden-Baden mit „Ganze Tage in den Bäumen“ von Marguerite Duras debütiert. Dem schlossen sich mit der Zeit Inszenierungen in Darmstadt, Düsseldorf, Frankfurt, Stuttgart, Hamburg, München und auch am Wiener Burgtheater an. Unsterblich wurde Haneke aber erst mit seiner Hinwendung zum Kino.

Sein Debüt auf der großen Leinwand feierte er 1989 mit „Der siebente Kontinent“. Das Drama um eine dreiköpfige Familie, die schließlich Selbstmord begeht, stellt für Haneke selbst den 1. Teil einer „Trilogie der emotionalen Vereisung“ dar, zu der auch die Folgeprojekte „Bennys Video“ und „71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls“ zählen. Sie setzte die Haneke-Maßstäbe für das Kino, stellte die Grammatik einer Bildsprache dar, die der Regisseur in den kommenden Jahren verfeinerte, aber immer als Basis nahm.

Es ist der distanzierte, auf entfernte Kader bauende Blick auf die Unzulänglichkeiten des Menschen, der nicht beschönigt oder gemildert wird, ja streckenweise nüchtern daherkommt. Keine nicht aus der Szene entspringende Musik schafft zusätzliche Emotionsebenen, kein Schnitt kürzt die Verstörung. Die bourgeoise Familie und ihre Rituale werden als Fassade, verknöchertes Rudiment gezeigt.

Vom in der Chronologie auf die Trilogie folgenden „Funny Games“ (1997) fertigte Haneke zehn Jahre später ein US-Remake an, das bei der Kritik und beim Publikum jedoch zwiespältig aufgenommen wurde. Das Stammparkett des Autorenfilmers war einfach Cannes und nicht Hollywood. Gleich der Kinoerstling „Der siebente Kontinent“ war in Cannes in einer Nebenschiene gelaufen. Die Originalfassung des Gewaltschockers „Funny Games“ wurde schließlich 1997 nach 35 Jahren der erste österreichische Wettbewerbsbeitrag in Cannes, die Filme „Code Inconnu“ (2000) und „Wolfzeit“ (2003) wurden beim Festival kontrovers besprochen.

Für die Jelinek-Verfilmung „Die Klavierspielerin“ mit Isabelle Huppert gab es an der Côte d‘Azur 2001 den Großen Preis der Jury, für „Caché“ 2005 den Regiepreis, für die schwarz-weiße Faschismusparabel „Das weiße Band“ (2009) und „Amour“ (2012) schließlich zwei Goldene Palmen hintereinander. Und auch Hanekes bis dato letztes Werk, „Happy End“, lief im Wettbewerb von Cannes.

Mit „Amour“ allerdings gelang Haneke dann auch der Erfolg in den USA, wurde das Sterbedrama mit Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant doch auch mit einem Golden Globe und vor allem mit dem Auslandsoscar gewürdigt. Und doch gehört seine Liebe Frankreich. Als Haneke 2010 für seine filmische „Suche nach der Wahrheit“ zum „Commandeur dans l‘ordre des Arts et des Lettres“ ernannt wurde, sprach er von seiner „großen Bewunderung für die französische Kultur“. Er habe eine „lange Liebesbeziehung zu Frankreich“, erklärte er.

Im Gegenzug liebt ihn Deutschland, das dem Regisseur 2019 das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verlieh, das sich damit in eine lange Reihe an Ehrungen stellen kann. Dazu gehören etwa der Prinz-von-Asturien-Preis (2013) oder 2018 der deutsche Orden Pour le Mérite.

Zugleich gibt Haneke sich die Ehre, seine im Laufe einer jahrzehntelangen Karriere gewonnen Erkenntnisse auch an die jüngeren Generationen weiterzugeben. So hat der Bald-Jubilar seit 2002 eine Professur an der Filmakademie Wien inne. Und dass sein Œuvre auch nach seinem Tod dereinst Wirkung entfalten kann, dafür sorgt die schrittweise Übertragung seines Vorlasses an das Filmmuseum.

Interviews gebe er nur im Vorfeld neuer Filme, beantwortet der Regisseur eine APA-Anfrage. Was die Anschlussfrage nahelegt: Ist ein Projekt in Vorbereitung? Hier greift Haneke zu dem ihm eigenen Stilmittel des Kryptischen: „Lassen wir uns überraschen...“

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