Entgeltliche Einschaltung

Schriftsteller Kurkow rechnet mit keinem baldigen Kriegsende

  • Artikel
  • Diskussion

Der ukrainische Schriftsteller und Vorsitzende von PEN Ukraine, Andrej Kurkow, rechnet mit keinem baldigen Kriegsende in seiner Heimat. Er habe zwar mit einer Eskalation im Donbass und in der Nachbarschaft der Krim gerechnet, nicht jedoch damit, dass Charkiw oder Kiew bombardiert würden, sagte er. Kurkow hat Kiew kurz nach Kriegsbeginn verlassen. Am Donnerstag befand er sich auf Durchreise in Wien, wo am Abend eine Benefizlesung im Burgtheater-Kasino stattfinden wird.

Nachdem er am 24. Februar um 5 Uhr früh durch Explosionen in Kiew geweckt worden sei, sei er zunächst in Richtung eines Landhauses im Westen von Kiew aufgebrochen. „Wir waren 10 Kilometer von den Kampfhandlungen in Hostomel entfernt, hörten Explosionen und eine Rakete flog über unser Auto“, erzählte der bekannte Romancier bei einem Pressegespräch in der Alten Schmiede in Wien. Nach einer langen Reise mit riesigen Staus sowie einer Zwischenstation in Lwiw wohne er und seine Familie nun temporär unweit der ungarischen Grenze in der Region Transkarpatien, sagte er.

Entgeltliche Einschaltung

Vor Kriegsbeginn habe er an Romanen über den damaligen Bürgerkrieg 1919 geschrieben, in den letzten vier Wochen verfasste er jedoch lediglich Artikel, Essays und Reportagen über den nunmehrigen Krieg. Hinzu kämen Online-Veranstaltungen des von ihm geleiteten ukrainischen PEN-Zentrums für ein internationales Publikum. Auch gelte es Mittel für ukrainische Schriftsteller zu sammeln. Einige befänden sich derzeit auf von Russland derzeit besetzten Gebieten, andere im Ausland und ganz viele in der Westukraine. Viele hätten große finanzielle Probleme und keine Wohnung.

Kurkow verwies insbesondere auf Schriftsteller aus dem Donbass, die nach 2014 nun ein zweites Mal hatten fliehen müssen. „Einer von ihnen, der russischsprachige Schriftsteller Wolodymyr Rafejenko, der mit zwei russischen Kulturpreisen ausgezeichnet worden war, ist eine Woche lang in einem Dorf unweit von Kiew unter Bombardement gewesen.“ Mittlerweile habe Rafejenko in das westukrainische Ternopil entkommen können. Obwohl es für solche Schriftsteller Einladungen aus Europa gebe, könnten nach ukrainischen Gesetzen Männer, die jünger als 61 Jahre alt sind, das Land ohne medizinische und andere Gründe nicht verlassen, berichtete er. Zusätzlich habe man auch eine tragische Situation mit zerstörten Bibliotheken, Theatern, Konzertsälen und Museen. Aber auch Kirchen und eine Moschee sowie eine Synagoge seien bombardiert worden.

Wolodymyr Selenskyj zeige fast das bestmögliche Verhalten, lobte der Autor die aktuelle Performance des ukrainischen Staatsoberhaupts, das er zuvor eher kritisch gesehen hatte. Die Regierung, das Parlament, der Präsident und die Armee funktionierten, unterstrich der Autor. „Ich sehe aber bis heute, dass Selenskyj und seine Leute mit (dem ehemaligen Präsidenten Petro, Anm.) Poroschenko und dessen Partei kämpfen. Das ist nicht nur eine schlechte Zeit für Intrigen und politische Kämpfe, sondern auch ein wenig enttäuschend“, erläuterte er und bezeichnete „aggressive innenpolitische Diskussionen“ in der aktuellen Situation als schädlich.

Ob der Krieg zu Ende gehe, hinge indes von Putin ab. „Ich glaube aber, dass der Krieg bis zu seinem Tod weitergehen wird“, erklärte er. Putin würde sich noch stärker als zuvor isolieren, spekulierte er. „Die zweijährige Selbstisolation während der Pandemie hat sein Gehirn beeinflusst: Er hatte zu viel Zeit darüber nachzudenken, was er hinterlassen will und kümmerte sich nur um seinen Platz in den Geschichtslehrbüchern“, sagte Kurkow. Der Aufbau einer neuen Sowjetunion oder eines russischen Imperiums werde jedoch nicht passieren, er sei ohne die Ukraine auch unmöglich.

Solange der Krieg laufe, werde es keinen Dialog zwischen ukrainischen und russischen Schriftsteller geben, kommentierte der russischsprachige Autor, der sich selbst als ethnischen Russen bezeichnet. „Alle Schriftsteller und Künstler, die Putin unterstützen, existieren nicht mehr“, sagte er und erinnerte an einen diesbezüglichen Brief russischer Schriftsteller vom 4. März, der in der „Literaturnaja Gaseta“ veröffentlicht wurde. Hunderte hätten für Putin und Krieg unterschrieben, darunter auch der Präsident des russischen PEN-Zentrums, Jewgeni Popow. Mit diesen Leuten werde es auch nach dem Krieg keinen Dialog geben.

Freilich seien im Ausland lebende russische Schriftsteller wie Michail Schischkin keine Vertreter Russlands, betonte er. „Normale“ Autoren wie Wladimir Sorokin, Dmitri Bykow, Igor Irtenew, Wiktor Schenderowitsch, Boris Akunin seien auch zu unterstützen. Gleichzeitig rechnete er mit einer gewissen Normalisierung zwischen Russland und der Ukraine in etwa 20 bis 30 Jahren, wie zwischen Deutschen und Sowjetbürgern nach dem Zweiten Weltkrieg. Als Elfjähriger habe er sich geweigert, Deutsch zu lernen, weil die Deutschen seinen Großvater getötet hätten, erzählte der 1961 geborene Literat. Erst im Alter von 37 Jahren habe er sich dann dafür entschieden, die deutsche Sprache dennoch zu erlernen.


Kommentieren


Schlagworte

Entgeltliche Einschaltung