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Pianostar Andsnes mit Mozart der „überwältigenden Vielfalt“

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„1786“ folgt auf „1785“. Leif Ove Andsnes liefert gemeinsam mit dem Mahler Chamber Orchestra, was der Titel verspricht. „Mozart Momentum“ aus zwei besonders intensiven Schaffensjahren des Komponisten. Am 8. April erscheint mit „1786“ das zweite Doppelalbum des Projekts. Er sei „überwältigt“ gewesen von der Vielfalt, die er mit diesem stark begrenzten Fokus auf Mozarts Werk vorgefunden hat, erzählt der norwegische Pianist im Gespräch mit der APA.

Dass Wolfgang Amadeus Mozart in nur einem Jahr Stücke wie die beiden Klavierkonzerte Nr. 23 in A-Dur und Nr. 24 in c-moll, das Rondo in D-Dur oder die Konzertarie „Non temer, amato bene“ - hier mit Sopranistin Christiane Karg - verfasst hat, sorgt für einen konzentrierten Blick auf die Breite, aber auch die rasante Entwicklung in seinem Schaffen. In einer Lebensphase, die laut Andsnes von neuer Freiheit, starkem Konkurrenzdenken und dem Ausloten von Grenzen geprägt war.

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APA: Ein einziges Schaffensjahr, ein Instrument. Was bewirkt dieser starke Fokus, wenn man sich Mozart nähert?

Leif Ove Andsnes: Es hilft uns, das Genie Mozarts zu begreifen, wenn wir durch ein stark begrenztes Zeitfenster blicken. Ich war überwältigt von der Vielfalt, die ich darin gefunden habe - insbesondere wenn man bedenkt, dass er neben all diesen Werken für Klavier zeitgleich „Le Nozze di Figaro“ geschrieben hat. Wir hören das auch in den ausgewählten Stücken, da ist etwas sehr Opernhaftes und eine unglaubliche Energie. Ähnlich wie im „Figaro“ passieren in den Stücken, die er da schrieb, unheimlich viele Dinge gleichzeitig.

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APA: Das Vorgängeralbum hatte das Jahr 1785 zum Thema, auch das gemeinsam mit dem Mahler Chamber Orchestra. Hat Mozart 1786 anders komponiert als 1785?

Andsnes: Ja! Auch innerhalb eines Jahres verändert sich seine Erzählweise sehr stark. Das betrifft vor allem das Symphonische - die Beziehung des Klaviers mit dem Orchester. Anstatt das Soloinstrument zu begleiten, wird das Orchester zum gleichberechtigten Partner, die Beziehungen werden komplexer. Beide Jahre sind ungeheuer spannend was die persönliche Geschichte Mozarts betrifft. Es war ein sehr freier Abschnitt in seinem Leben, nachdem er bis dahin im Dienst des Bischofs gestanden hatte. Für uns als Pianisten ist es ein riesiges Glück, dass er zu dieser Zeit nach Wien zieht und dort beginnt, die Welt vom Klavier aus zu erkunden.

APA: Hat ihn das Klavier verändert?

Andsnes: Es hat ihn befreit und befeuert. Wir übersehen heute gerne, was für einem starken Wettbewerb Mozart ausgesetzt war. Wir nehmen ihn wahr als das Genie, das alles überstrahlt, tatsächlich war das für ihn aber nicht so selbstverständlich. Es gab viele andere, gegen die er sich bewähren musste. Seine Strategie war, sich immer wieder neu zu erfinden, ständig Grenzen auszuloten und zu überschreiten.

APA: Mit dem Mahler Chamber Orchestra haben sie bereits an einem umfangreichen Beethovenprojekt gearbeitet. Was bedeutet Ihnen die Zusammenarbeit über einen längeren Zeitraum?

Andsnes: Es bedeutet eine große Bereicherung, die mich als Pianist zutiefst verändert, mir eine ganz andere Perspektive schenkt. Ich habe mit dem MCO so viel Dialog, eine große Intimität, die auch mit der ungewöhnlichen Position des Klaviers in der Mitte des Orchesters zu tun hat. Da manifestiert sich die Partnerschaft in der Musik auch im Raum. Vor dem Beethovenprojekt hatte ich noch nie so lange mit demselben Orchester gearbeitet - am Ende empfand ich in den Konzerten eine Freiheit im Zusammenspiel, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Und Klänge, von denen ich nicht wusste, das sie existieren.

APA: Dabei sind die Werke in den beiden Mozart-Kapiteln eigentlich sehr populär....

Andsnes: Mozarts Werke für Klavier haben eine so offensichtliche Schönheit, dass man dazu verleitet ist, schnell zufrieden zu sein. Aber viel interessanter ist es doch, die Ambiguität zu finden, den mittleren Stimmen mehr Wichtigkeit zu geben und mit einem solchen Orchester kann dabei etwas ganz Neues entstehen. Das liegt vor allem am MCO: es gibt ein unwidersprochenes gemeinsames Ziel, etwas Besonderes zu erschaffen. Jede und jeder einzelne hat sich für diesen kompromisslosen Lebensstil entschieden, der mit einem unglaublichen Arbeitsethos einhergeht.

APA: Freie Orchester wie das MCO wurden von der Pandemie besonders hart getroffen. Welche Auswirkungen hatten diese speziellen Entstehungsbedingungen auf das Projekt?

Andsnes: Wir waren sehr limitiert, was Konzerte anging - und dass die Aufnahme des ersten Kapitels überhaupt zustande kam, war ein riesiger Glücksfall. Mit Abstand und Masken. Aber ich glaube man kann die schiere Freude und Dankbarkeit förmlich hören, die wir gespürt haben, einfach weil es möglich war. Zieh eine Maske an und mach Musik - das Rezept für gewaltiges Glück!

APA: Was haben Sie selbst bisher aus der Pandemie mitgenommen?

Andsnes: Wir sind in Norwegen ganz gut durchgekommen. Für mich hat es bedeutet, sehr viele kleine Konzerte für etwa 20 Leute zu spielen. Das war eine eigenartige Erfahrung, auch, weil es mitunter sehr berührend war. Vor allem aber erinnere ich mich an den Moment, als ich zum ersten Mal nach einer langen Lockdownpause in eine akustisch tolle Konzerthalle mit einem frisch gestimmten Klavier gekommen bin. Dieses Gefühl, um das man sich bringt, wenn man Dinge als selbstverständlich nimmt. In Summe zähle ich mich jedenfalls zu den Glücklichen - die wirklich Leidtragenden waren die jungen Künstler, die gerade bereit waren, der Welt zu zeigen was sie können, aber keine Gelegenheit dazu hatten.

APA: Die Pandemie ist unmittelbar übergegangen in die nächste Erschütterung mit dem Krieg in der Ukraine...

Andsnes: Es ist eine völlige Dunkelheit, die sich da auf uns senkt. Musik hilft, wie sie es immer tut, aber ich befürchte, wir gehen hier in eine langfristige Situation, wir leben jetzt in einer anderen Welt. Norwegen hat eine Grenze mit Russland. Bei mir lösen die Nachrichten aus, dass ich einfach nach Hause fahren und mich um meine Familie kümmern möchte. Ich glaube wir müssen bei aller Erschütterung vorsichtig sein, einzelne Menschen aus Russland nicht vorschnell zu verurteilen. Im internationalen Musikleben spielen sie eine sehr wichtige Rolle. Der Umgang damit wird eine riesige Herausforderung für uns alle.

(Das Gespräch führte Maria Scholl/APA)

(S E R V I C E - Leif Ove Andsenes, Mahler Chamber Orchestra: „MM 1786“, Sony Classical, erscheint am 8. April 2022)


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