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Dokumentarisch: Fotos von Michael Schmidt in der Albertina

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Was auf den ersten Blick nach einem vor allem zeithistorischen Dokument aus dem grauen Berlin der Vorwendezeit und des Mauerfalls aussieht, entpuppt sich beim Rundgang mit Kurator Walter Moser als vielschichtiges fotografisches Lebenswerk. Ab Freitag zeigt die Albertina eine Ausstellung mit fast 300 Werken des deutschen Fotografen Michael Schmidt (1945-2014). „Es geht stets um dokumentarische Bildsprache, die aber immer wieder völlig anders gelöst wird“, sagt Moser.

Die Albertina hat in den vergangenen Jahren durch verschiedene Ankäufe 24 Arbeiten des großen „Waffenruhe“-Zyklus von Schmidt erwerben können - die Serie, die im Martin-Gropius-Bau und im New Yorker MoMA ausgestellt wurde und den Durchbruch des ehemaligen Polizisten bedeutete, der sich seine fotografischen Kenntnisse als Autodidakt erwarb. „Er war eine ebenso streitbare wie einnehmende Person“, erinnert sich der Kurator im Gespräch mit der APA. Die ersten Serien entstanden für Berliner Bezirksämter, die er zu Aufträgen überreden konnte - klassische Reportagefotografie, die Soziotope und Architekturen von Kreuzberg zeigt. „Das Thema ist da. Der Stil wird noch gesucht.“

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Ab 1973 kann Schmidt als freier Fotograf arbeiten - und liefert 1976 für den Bezirk Wedding eine formal streng durchkomponierte Serie ab, die einerseits menschenleere Architekturen, andererseits Menschen in Doppelporträts in privater Umgebung und am Arbeitsplatz zeigt. „Es herrscht klare, sachliche Objektivität.“ Doch ist ein Stil gefunden, wird er auch schon wieder aufgegeben. „Er findet immer wieder eine neue Form“, begeistert sich Moser und hebt gleichzeitig hervor: „Es ist ein unglaublich politisches Werk.“

Das wird in dem 1987 auch als Buch erschienenen „Waffenruhe“-Zyklus deutlich, bei dem Bilder der Berliner Mauer, der sie umgebenden Brache, von Menschen aus dem Umfeld des Fotografen (wie der Regisseur Einar Schleef, der zum Buch auch einen Text schreibt), von großen und unscharfen, abstrakt wirkenden Details zu eindrücklichen Arrangements gruppiert werden. Auch die Werkgruppe 89/90, und noch stärker die aus 163 Einzelbildern bestehenden Serie „Ein-heit“ ist politisch zu lesen. Schmidt kombiniert von ihm gemachte Porträts und Detailaufnahmen mit Reproduktionen historischer Persönlichkeiten und Symbole ab den 1930er-Jahren. Diese Serie habe ihn zum Schmidt-Fan werden lassen, erzählt Moser. „Sehr medienreflexiv geht es hier um deutsche Geschichte. Es ist fast unmöglich, dabei nicht an Gerhard Richter zu denken.“

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Und noch einmal wandelt sich Schmidt. Im letzten Raum der bis 26. Juni in der Pfeilerhalle laufenden und in Kooperation mit der „Stiftung für Fotografie und Medienkunst mit Archiv Michael Schmidt“ entstandenen Ausstellung sind weitere Serien mit neuem Konzept und neuer Bildsprache zu sehen, darunter „Irgendwo“ über die deutsche Provinz und „Lebensmittel“. Zu sehen sind dabei Fischfarmen und Fleischfabriken, Gewächshäuser und Nahrungsmittel - teilweise in Farbe, aber hochgradig abstrahiert. Eine künstlerisch adäquate Umsetzung der Entfremdung in der Lebensmittelproduktion, bei der das Denken und nicht der Appetit angeregt wird.

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