Entgeltliche Einschaltung

Keine Kriegsangst in Moldau - Lage in Transnistrien „ruhig“

  • Artikel
  • Diskussion

Mit dem erklärten Rückzug der russischen Streitkräfte aus der Zentralukraine scheint sich auch die Lage im Nachbarland Moldau entspannt zu haben. Wie der in Chișinău lebende Auslandsösterreicher Paulus Adelsgruber der APA berichtet, kommen „zur Zeit sehr wenige Flüchtlinge“ über die ukrainische Grenze. Vorbereitungen auf den Krieg seien keine zu bemerken, und auch in der russisch besetzten moldauischen Separatistenrepublik Transnistrien verhalte man sich derzeit „ruhig“.

Das mehrheitlich von Russen und Ukrainern bewohnte Gebiet am linken Ufer des Flusses Dnister hatte sich Anfang der 1990er Jahre von der früheren Sowjetrepublik Moldau (Moldawien) losgesagt. Mehr als 1.000 russische Soldaten sind in dem Gebiet stationiert. Seit dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs wird befürchtet, dass die russische Armee auch von Transnistrien aus ukrainisches Territorium und insbesondere die strategisch bedeutende Schwarzmeerstadt Odessa angreifen könnte.

Entgeltliche Einschaltung

Adelsgruber berichtete, dass er erst am Wochenende die transnistrische Hauptstadt Tiraspol besucht habe. Zwar habe man dort die offizielle russische Sprachregelung bezüglich des Ukraine-Kriegs übernommen, doch halte man sich sonst „bedeckt“. Das öffentliche Leben in dem Gebiet sei „wie immer“. „Man hat nicht den Eindruck, dass sie eine Veränderung wollen“, sagte Adelsgruber auf die Frage nach einem möglichen Anschluss des Gebiets an Russland.

„Keine Anzeichen“ gebe es auch dafür, dass es in der Nähe der moldauischen Grenze zu kriegerischen Auseinandersetzungen kommen könnte, sagte Adelsgruber unter Berufung auf Experten der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in Moldau weiter. Auch Odessa sei aktuell nicht in Gefahr. Die moldauischen Streitkräfte scheinen nicht in Alarmbereitschaft zu sein. „Ich habe an der Grenze kein Militär gesehen“, so Adelsgruber. Unmittelbar nach Beginn des Krieges in Februar hatte es hingegen Aufregung gegeben, weil nach ukrainischem Vorbild ein Ausreisestopp für die wehrfähige männliche Bevölkerung kolportiert worden sei.

TT-ePaper 4 Wochen gratis lesen

Die Zeitung jederzeit digital abrufen, ohne automatische Verlängerung

TT ePaper

Adelsgruber ist seit vier Jahren in Moldau als Deutsch-Lektor für die österreichische Agentur für Bildung und Internationalisierung OeAD tätig. Das Land sei derzeit „sehr voll mit Flüchtlingen“, sagte der Universitätslehrer. Auch er selbst habe in seiner Wohnung Vertriebene aufgenommen. Nachdem in den ersten beiden Wochen nach Kriegsausbruch die ausbleibende internationale Hilfe beklagt worden sei, seien NGOs mittlerweile „sehr präsent“ und würden ihr Personal massiv aufstocken. „Es herrscht ein sehr reges Treiben. Die Hotels sind voll mit Ukrainern und westlichen Ausländern“, schilderte er.

Derzeit sei noch ein Viertel der 400.000 Flüchtlinge, die angekommen seien, im Land. Adelsgruber erwartet, dass „ein sehr großer Teil“ dieser 100.000 Menschen wieder in die Ukraine zurückkehren wird. Schließlich gebe es in Moldau kaum wirtschaftliche Möglichkeiten.

Die pro-europäische Orientierung Moldaus sieht Adelsgruber durch den Ukraine-Krieg gefestigt. „Die war schon vor dem Konflikt sehr eindeutig. Nirgends hat man so viele EU-Fahnen gesehen wie in Chișinău“, betonte er. Der EU-Beitritt sei für die Mehrheit der moldauischen Bevölkerung ein Ziel, auch wenn die oppositionellen (europaskeptischen) Sozialisten darauf hoffen, durch innenpolitische Skandale wieder stärker zu werden. Derzeit seien sie aber „ziemlich schwach“ und hätten durch den Krieg einen weiteren Dämpfer erhalten.

„Vom Tisch“ sieht Adelsgruber eine Vereinigung der mehrheitlich rumänischsprachigen Republik Moldau mit dem Nachbarland Rumänien, die in den 1990er Jahren das innenpolitische Klima im Land massiv belastet hatte. „Die Parteien, die das propagiert haben, sind nicht einmal mehr im Parlament“, sagte der Auslandsösterreicher. Auch die neue Präsidentin Maia Sandu plädiere stark für die Eigenstaatlichkeit Moldaus. Man könne aber nicht ausschließen, dass sich dies ändere, wenn es im Land „wirtschaftlich bergab geht“.

(Das Gespräch führte Stefan Vospernik/APA)


Kommentieren


Schlagworte

Entgeltliche Einschaltung