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Hoffnung auf Feuerpause in Mariupol

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Russland hat eine Feuerpause für die schwer zerstörte südukrainische Hafenstadt Mariupol verkündet. Die Waffenruhe, mit der die Evakuierung von Einwohnern ermöglicht werden soll, trat am Freitag um 09.00 Uhr MESZ in Kraft. Nach Angaben des Roten Kreuzes war die Lage zunächst aber zu unsicher, um mit der Evakuierung zu beginnen. Die Fluchtwege waren noch geschlossen. In anderen Gebieten der Ukraine gingen die Kämpfe unvermindert weiter.

Mit der Feuerpause für Mariupol soll ein neuer Versuch gemacht werden, mit internationaler Hilfe Tausende Menschen über einen humanitären Korridor in Sicherheit zu bringen. Ein Sprecher des Roten Kreuzes in Genf sagte jedoch: „Es ist noch nicht sicher, ob das heute stattfinden wird.“ Die Ukraine und Russland hätten zwar zugestimmt, doch müsse noch sichergestellt werden, dass auch die Soldaten in Mariupol entsprechend informiert seien. Außerdem hätten sich beide Seiten noch nicht auf einen Zielort für die Flüchtlinge geeinigt.

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Lediglich in der nahe gelegenen und von russischen Truppen besetzten Stadt Berdjansk begann die Evakuierung von Menschen, die aus Mariupol dorthin geflüchtet waren. Sie bestiegen Busse für die Fahrt in das von ukrainischen Behörden kontrollierte Saporischschja.

Freitag früh war ein Team des Roten Kreuzes mit drei Fahrzeugen auf dem Weg nach Mariupol gewesen. Das Rote Kreuz plant, den Evakuierungskonvoi aus Bussen und Privatfahrzeugen aus der Hafenstadt zu geleiten. „Uns gehen die Worte aus, um den Horror und das Leid der Bewohner von Mariupol zu beschreiben“, sagte Watson. „Den Menschen in Mariupol läuft die Zeit davon. Sie brauchen dringend Hilfe.“

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Die Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland wurden unterdessen wieder aufgenommen. Die Gespräche seien im Online-Format fortgesetzt worden, teilte das ukrainische Präsidialamt mit, ohne Einzelheiten zu nennen. Der russische Außenminister Sergej Lawrow sprach zuvor bei einem Besuch in Indien von Fortschritten bei den Verhandlungen. Die Regierung in Moskau bereite derzeit ihre Antwort auf ukrainische Vorschläge vor. Am Dienstag hatten sich Delegationen beider Seiten auf Vermittlung des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan persönlich in Istanbul getroffen. Der ukrainische Präsidentenberater Mychailo Podoljak hatte hinterher von einem positiven Gefühl gesprochen.

Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) war am Donnerstagabend mit dem Bruder des Kiewer Bürgermeisters Witali Klitschko, Wladimir, zusammengetroffen. Nehammer betonte am Freitag, dass es einen engen Kontakt mit Bürgermeister Klitschkos Büro gebe. Bisher habe Österreich der Ukraine 10.000 Helme und 10.000 Schutzwesten zur Verfügung gestellt.

Die militärische Entwicklung lässt sich weiterhin nur schwer überblicken. Das britische Verteidigungsministerium teilte unter Berufung auf Geheimdienstquellen mit, ukrainische Streitkräfte hätten zwei Dörfer an einer wichtigen Versorgungsroute zwischen Tschernihiw nahe der belarussischen Grenze und der Hauptstadt Kiew zurückerobert. Ukrainische Truppen eroberten nach eigenen Angaben in den vergangenen Tagen auch elf Siedlungen im südukrainischen Gebiet Cherson zurück.

Beim Vormarsch im Norden der Region sei ihnen zudem schwere russische Militärtechnik in die Hände gefallen, darunter Panzer vom Typ T-64. Nach Angaben des Generalstabs in Kiew konnten russische Einheiten nirgendwo Geländegewinne verzeichnen. Die östliche Großstadt Charkiw werde weiter beschossen, ein Durchbruchsversuch nahe Isjum sei aber gescheitert. Ein russischer Vorstoß im südlichen Gebiet Mykolajiw sei erfolglos gewesen. Im Norden hätten sich einige russische Einheiten zurückgezogen. Die Angaben können nicht unabhängig überprüft werden.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj räumte auch Probleme an anderen Fronten des Krieges ein. „Die Situation im Süden und im Donbass bleibt äußerst schwierig“, sagte der Staatschef zuvor. Er warnte vor Kämpfen, die in der östlichen Donbass-Region und der belagerten südlichen Hafenstadt Mariupol bevorstünden. Es gebe Versuche, eine Verwaltung in den besetzten Regionen der Gebietseinheiten (Oblast) Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson aufzubauen, so der Generalstab in der Nacht. Russland hatte mitgeteilt, das Gebiet Cherson vollständig erobert zu haben.

Russland warf der Ukraine erstmals seit Kriegsbeginn Luftangriffe auf russisches Gebiet vor. Die ukrainischen Streitkräfte sollen am Freitag von zwei Hubschraubern aus einen Luftschlag auf ein Öllager in Russland verübt haben. In dem Depot in der Großstadt Belgorod sei es nach dem Angriff zu einem Brand gekommen, teilte der Gouverneur des Gebiets, Wjatscheslaw Gladkow, im Nachrichtenkanal Telegram mit. Auf einem Video war auch ein großes Feuer zu sehen. Belgorod liegt unweit der ukrainischen Grenze. Bei der Explosion an dem Tanklager seien zwei Arbeiter verletzt worden, so Gladkow. Die Lage sei aber stabil.

Unterdessen entspannte sich die Lage in Kiew nach Angaben des Stadtkommandanten etwas. Die Situation rund um die Hauptstadt verbessere sich, hieß es am Donnerstagabend in einer Mitteilung von General Mykola Schyrnow. Die zivile Infrastruktur werde wiederhergestellt - dies betreffe Unternehmen wie auch Handels- und Dienstleistungseinrichtungen. In den Außenbezirken werde aber weiter gekämpft. Schyrnow rief die Bevölkerung zur Vorsicht auf.

Der ukrainische Präsident entzog zuvor zwei Generälen ihren Titel, dem früheren Chef der Hauptverwaltung für innere Sicherheit, Andrij Naumow, sowie dem Ex-SBU-Chef für das Gebiet Cherson, Serhej Kryworutschko. „Jetzt habe ich keine Zeit, mich um all die Verräter zu kümmern. Aber nach und nach werden sie alle bestraft“, sagte Selenskyj in einer Videobotschaft. Nähere Angaben machte er nicht.

Auch der russische Präsident Wladimir Putin geht angeblich gegen eigene Leute vor. Nach Einschätzung der US-Regierung entband er im Ukraine-Krieg womöglich einige seiner Berater von ihren Aufgaben und isoliert sich selbst. „Es gibt Anzeichen dafür, dass er einige seiner Berater entlassen oder unter Hausarrest gestellt hat“, sagte US-Präsident Joe Biden im Weißen Haus.

Mehr als 2,4 Millionen Flüchtlinge aus der Ukraine haben sich seit Beginn der russischen Invasion vor mehr als einem Monat ins Nachbarland Polen in Sicherheit gebracht. Allein am Donnerstag seien rund 23.000 Neuankömmlinge abgefertigt worden, teilte der polnische Grenzschutz beim Kurznachrichtendienst Twitter mit.


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