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Im Rausch des Sterbens: „Requiem“ als Festwochen-Prolog

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Ein Requiem als Vorwort, der Tod als Schöpfer der Lebendigkeit, das ewige Sterben als ewiger Sinn: Romeo Castellucci zeigt seine Inszenierung von Mozarts „Requiem“ dieser Tage im Wiener Museumsquartier als Prolog zu den im Mai anstehenden Festwochen. Es ist ein symbolstrotzender Bilderreigen und eine singende, tanzende, farbstarke Hymne auf die Vergänglichkeit, die bei der Premiere am Freitagabend mit Ergriffenheit und Jubel gewürdigt wurde.

Bereits 2019 - noch vor Corona-Pandemie und Ukraine-Krieg - kam die Koproduktion in Aix-en-Provence heraus. Heute tut sie - mutmaßlich - mehr weh. Das Sterben ist ewig, aber es ist auch akut. Und im Atlas der Ausgestorbenen, der als abendfüllende Liste von verschwundenen Tier-und Pflanzenarten, von einstigen Religionen und Sprachen, vernichteten Städten und verschollenen Kunstwerken an die Bühnenrückwand geschrieben wird, kommt unter den zerstörten Bauwerken auch das Theater von Mariupol vor, wo schutzsuchende Zivilisten, darunter viele Kinder, vor zwei Wochen Opfer eines russischen Bombenangriffs wurden. Die Liste der Ausgestorbenen endet mit dem heutigen Datum. Selten, dass ein nüchterner Kalendereintrag eine solche emotionale Wucht entfaltet.

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Das liegt zum einen daran, dass Castelluccis Zugriff auf die Welt der Bühnen-Bilder stets zielsicher an die Gurgel geht, egal ob gefeiert oder gestorben wird - oder beides. Eine alte Frau schaut noch ein bisschen fern, legt sich ins Bett und verschwindet. Sie wird später mit ihrem jüngeren und auch mit ihrem kindlichen Selbst wieder auftauchen. Ein blondes Mädchen, dem Tänzerinnen und Choristen des Ensemble Pygmalion Farbe über den Kopf schütten und mit Asche bewerfen. Kleine, eigentlich harmlose Gesten, die als Miniatur-Gewaltakte auf ein wehrloses Kind kaum mitanzusehen sind. Freilich: Brutalität bleibt aus, auch Leiden gibt es hier nicht, der Tod hat keinen Stachel, sondern ist der Sinnzusammenhang, in dem sich das Leben tummelt.

Das Epizentrum der Emotion ist zum anderen natürlich Mozart. Raphael Pichon und sein französisches Ensemble Pygmalion - Orchester und Chor - haben das unvollendete letzte Werk des Komponisten nicht nur mit den Süßmayr-Rekonstruktionen, sondern auch mit einigen Einschüben anderer sakraler Mozartwerke, sowie mit gregorianischem Choralmaterial ergänzt. Die Gesangssolisten - Sandrine Piau, Sara Mingardo, Anicio Zorzi Giustiniani, Nahuel di Pierro - gehen szenisch vollständig im Chor und der Chor fast vollständig im Tanzensemble auf. Gemeinsam sind sie die Menschheit, eine Spezies, die ihr Aussterben ahnt und sich feierlich zum bunten Volkstanz sammelt. Der Chor verrichtet seinen feinskalierten Gesang hüpfend, liegend, sterbend - auch plötzlich verstummend, wenn im unvollendeten Lacrimosa selbst die Bäume stürzen - und ein erschüttertes Atemholen durch das Publikum raunt.

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Insgesamt vier Vorstellungen des „Requiem“ sind zum Festwochen-Prolog angesetzt, sechs Wochen vor dem eigentlichen Festival-Start. Es ist die zwölfte Produktion von Romeo Castellucci, die bei den Festwochen gezeigt wird, seit insgesamt 32 Jahren gehört der italienische Theatermacher zu den Stammgästen des Festivals. Im Rahmen der Premierenfeier am Freitagabend wurde ihm für die lange Verbundenheit das Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien verliehen.

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