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„Reich des Todes“: Goetz-Erstaufführung im Akademietheater

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„Krieg wird nicht abzuschaffen sein“, heißt es einmal im Verlauf dieses Dreieinhalb-Stunden-Theaterabends. „Und unter fürchterlichem Gelächter / fällt, fällt, fällt der Vorhang / das Fallbeil, der Mensch, der Strick / zittert, baumelt, getötet, verlacht // Scham ohne Ende, aus aus aus, aus und Applaus“. Der reale Schlussapplaus war groß, am Samstagabend im Akademietheater, bei dem sich auch Autor Rainald Goetz verbeugte. Nur für Regisseur Robert Borgmann gab es einzelne Buhs.

Es hätte nicht gewundert, wenn sich am Ende von „Reich des Todes“ der Unmut gegen die Regie lauter geäußert hätte. Denn Einwände gibt es viele gegen diese Inszenierung, die eitel, artifiziell und selbstreferenziell wirkt, die das zynische Reden über und das politische Leugnen von Folter ebenso zu bebildern sucht wie die Vorgänge der Folter selbst; die nichts vertieft, sondern oberflächliche Bilder schafft, die über die Lage des Theaters mehr erzählen als über die Lage der Welt.

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Das „Reich des Todes“ nimmt Allgemeingültigkeit für sich in Anspruch und wirkt doch wie zu spät gekommen. Es ist seit über zwei Jahrzehnten das erste Theaterstück des deutschen Schriftstellers Rainald Goetz, der 1983 durch die sich bei seiner Bachmann-Preis-Lesung selbst zugefügte Schnittwunde berühmt wurde und dessen Text „Krieg“ in den 1980er-Jahren eine der wesentlichen Herausforderungen des deutschsprachigen Theaters war. Der ausufernde Text nimmt 9/11 als Ausgangspunkt von Assoziationen und Reflexionen über Tod und Terror, Politik und Folter, Vergangenheit und Zukunft und führt in die NS-Konzentrationslager ebenso wie nach Abu Ghraib und zur Hinrichtung von Saddam Hussein. „Es hat einfach zwanzig Jahre gedauert“, sagt der 67-Jährige im Programmheft, „auch deshalb, weil der Riss im Weltgefüge durch den 11. September so tiefgehend und kompliziert ist.“

Karin Beier hat das Stück-Monster im Herbst 2020 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg uraufgeführt. Für die Österreichische Erstaufführung, die coronabedingt länger verschoben werden musste, hat Regisseur Robert Borgmann seine eigene Schneise durch den wuchernden Text-Dschungel geschlagen und die Lichtungen mit acht Darstellern und einer 15-köpfigen Komparserie bevölkert. Als sein eigener Bühnenbildner frönt er neuerlich seiner Vorliebe für frische Erde und arbeitet vor allem mit zwei reduzierten Zeichen: einer Batterie von senkrecht gestellten Neonstäben, die vor der Feuermauer auf und ab gefahren werden kann und eine rote, rechteckige Fläche, die sich in immer wieder neuen Positionen symbolhaft und bedrohlich über die Spielfläche schiebt.

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Ganz konkret wirkt jedoch ein offensichtlich an Guantanamo erinnernder Käfig, der in der Pause aufgestellt wird und in den Felix Kammerer - unbeschadet von den vermeintlichen Stacheldrahtrollen oberhalb des Gitters - klettert, um in der Folge einen langen, die Verbindung vom NS-Staat zur US-Regierung herstellenden, Monolog in ein Smartphone zu sprechen: politisch wie szenisch eine ganz schlechte Idee und einer der Tiefpunkte in einer Bilderfolge, die Mehmet Ateşçı̇ als Teilnehmerin am immer wiederkehrenden „Debütant:innenball“ (Kostüme: Bettina Werner) orangenschälend von seinen Erniedrigungen im US-Foltergefängnis erzählen und die politisch Verantwortlichen in Unterwäsche und mit Baseballkappen mit der Aufschrift „Guilt“ auftreten lässt.

Der deutsche Musiker und Künstler Carsten Nicolai (Alva Noto) hat für den Abend einen brummenden, dröhnenden Grundton geschaffen, der immer wieder bedrohlich aus dem Untergrund steigt. An der Oberfläche wird dagegen „Oh du lieber Augustin“ gesungen oder „Live is life“, trägt man Braunhemden oder Cowboyhüte und hantiert mit einem überdimensionierten geheimnisvollen Kristall. Die Chance, aus der Gegenwart auf die Vergangenheit zu schauen und daraus Schlüsse zu ziehen, lässt man sich entgehen. Natürlich: den Ukraine-Krieg hat man im Westen angeblich nicht kommen gesehen. So wirkt „Reich des Todes“ heute vor allem wie eine Mahnung, angesichts des nun wieder im Osten angesiedelten „Reiches des Bösen“ nicht auf die blutige und schuldbeladene Vergangenheit jener zu vergessen, die sich heute als Unschuldlämmer und Friedensengel gebärden.

Am Ende des langen und erkenntnisarmen Abends tritt Martin Schwab, in Alter und Habitus an den jetzigen US-Präsidenten erinnernd, an die Rampe und ans Rednerpult. Seine forciert vorgetragene Rede, der auch das um ihn versammelte Ensemble lauscht, liefert eine Menge Theorie zur Bühnenpraxis. Weil es nicht genüge, die Opfer zu zeigen und „das Mitgefühl mit ihnen zu triggern“, müsse „gerade der Text vom TÄTER ausgehen, das Nein ihm gegenüber das NACHDENKEN ermöglichen, die verstehende Betrachtung der Geschichte“. Und am Ende weiß man weder, ob Borgmann das durch die übertriebene Inszenierung der Rede nun affirmativ oder ironisch bringen möchte, noch wie es weitergeht in diesem „Reich des Todes“, in das wir zu ihm hinabgestiegen sind. „Am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel?“ Das darf bezweifelt werden.

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