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Knallhart: Mareike Fallwickls Roman „Die Wut, die bleibt“

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Dieses Buch ist ein Hammer! Es lässt sich kaum anders sagen. „Die Wut, die bleibt“, löst ein Staunen aus, das bleibt. Ein Staunen über die Fähigkeit, komplizierte Gefühle auf unabgedroschene Weise so auszudrücken, dass Wiedererkennen und Erkenntnis einander die Waage halten. Ein Staunen über die Härte gegenüber einer Gesellschaft, mit deren Verhältnissen sich zumindest ihr männlicher Teil gut arrangiert hat. Mareike Fallwickls Roman ist Sprachkunstwerk und Anklage in einem.

„Die Wut, die bleibt“, ist eine Wut von Frauen auf eine männliche Welt, die ihnen die Spielregeln vorgibt. Sie haben sich einzufügen, haben mitzuspielen und mitzuschwimmen. Sie müssen sich dem männlichen Blick aussetzen, gegen männliche Gewalt behaupten und die männliche Entfaltung durch ihre Haus- und Erziehungsarbeit ermöglichen. Vor allem drei Frauen sind es, denen in dem Buch die Wut hochkommt: Helene, Sarah und Lola. Helene und Sarah sind Freundinnen aus Kindheitstagen, einander auch im Erwachsenenleben eng verbunden, Lola ist die 15-jährige Tochter Helenes. Ihre Entscheidungen, mit der Wut umzugehen, sind dramatisch unterschiedlich. Dieser Unterschied sorgt für Spannung - die Spannung des Lesers über den Fortgang der Handlung und die äußerste Spannung zwischen unterschiedlichen Positionen, die zum Zerreißen führt. Oder zum Explodieren.

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Das Buch beginnt mit einem einseitigen Prolog, den Knalleffekt zu nennen die Umstände verbieten. Ein Abendessen im familiären Kreis. Es gibt Erdäpfel mit Butter. Die drei Kinder sind so laut und missmutig wie immer. Der Mann fragt: „Haben wir kein Salz?“ Die Mutter steht auf, macht drei Schritte zur Balkontüre, „öffnet sie, schaut nicht zurück, macht noch zwei weitere Schritte. Und dann diesen einen.“ Was für ein Ende! Und was für ein Start. Schon in den wenigen Sätzen der ersten Seite zeigt die Autorin, wie bewundernswert sie Stimmungen zu beschreiben vermag, ohne sie zu erklären. Nach Erklärungen für den unangekündigten und ansatzlos ausgeführten Selbstmord, der einen Mann und drei Kinder in die Katastrophe stürzt, suchen danach natürlich alle. Doch Erklärungen gibt selbst das tiefenentspannte Helene-Phantom, das in der Folge Sarah gelegentlich erscheint, keine ab.

Die Konstruktion, die Fallwickl wählt, um den Ursachen der Wahnsinnstat näherzukommen, ist genial: Sarah, als Autorin an keine fixen Arbeitszeiten gebunden, kinderlos und mit einem deutlich jüngeren Mann in einer nur sexuell befriedigenden Beziehung, fühlt sich für Helenes Familie verantwortlich. Vor allem die beiden Buben im Wickelkind- und Kindergartenalter brauchen Betreuung und Zuneigung. Sarah geht auf in der neuen Rolle als Ersatz-Mami, erhält viel Liebe zurück und fühlt sich gebraucht. Nicht von allen. Denn Lola ist eine in Gendertheorien höchst versierte Feministin und von Sarahs Aufopferungsbereitschaft angekotzt. Es dauert einige Zeit und einige knallharte Auseinandersetzungen, bis es ihr gelingt, der neuen Frau in der Familie die Augen zu öffnen: Der wirkliche Gewinner der neuen Konstellation ist Johannes, Helenes Witwer. Dem viel beschäftigten und erfolgreichen Architekten wird von Sarah der Rücken komplett freigehalten. Für ihn ist sie nichts anderes als eine unbezahlte Haushaltshilfe: Putzfrau, Köchin und Kindermädchen in einem.

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„Die Wut, die bleibt“, springt in der Erzählung immer wieder zwischen Sarah und Lola. Dem pubertierenden Mädchen packt die Autorin sehr viel auf, der einzige leichte Einwand gegen eine ansonsten überwältigende Geschichte. Zunächst magersüchtig und damit als schön schlank bei allen beliebt, wird sie durch ein Gewalterlebnis am Skater-Platz, bei dem sie mit ihrer Freundin einer dreiköpfigen Burschengang nur knapp entkommt, radikalisiert. Die beiden Mädchen schreiben sich in einen Selbstverteidigungskurs ein und freunden sich mit zwei anderen an. Bald ist klar: Beim Kampftraining ist niemand ohne Grund. Jede von den Teilnehmerinnen wurde durch ein bestimmtes Erlebnis hierher gebracht. Nun rüsten sie sich. Auch Lola beginnt zu essen, Kilos und Muskelmasse zuzulegen, zu trainieren und sich zu wappnen für den Ernstfall. Diesen führen sie schließlich selbst herbei. Denn sie sind bereit. Ein Rachefeldzug beginnt. Und „Die Wut, die bleibt“, findet eine Möglichkeit, rausgelassen zu werden.

Die Wendung hin zum Rachethriller, die der Roman nimmt, muss nicht jedermanns Sache sein - zumal Fallwickl in diesem Teil sprachlich deutlich konventioneller arbeitet. Doch souverän gelingt es ihr in der Folge, beide Stränge - und beide Frauengenerationen - zusammenzuführen und zu einem Ende zu bringen, das bei aller Härte des Befundes Hoffnung macht. „Mädchen wie wir werden überall gebraucht“, sagt Lola am Ende, als sie aus- und aufbricht. Das Buch widmet Fallwickl ihrer Tochter. Und fast erleichtert ist man, in der Danksagung davon zu lesen, dass sie ihrem Mann dafür dankt, mit ihr jene Gleichberechtigung zu leben, „an der die Gesellschaft scheitert“. Es geht also doch.

Mareike Fallwickl, 1983 in Hallein bei Salzburg geboren und 2018 mit ihrem Erstling „Dunkelgrün fast schwarz“ für den Österreichischen Buchpreis nominiert, hat nach „Das Licht ist hier viel heller“ (2019) nun mit ihrem dritten Roman ein beeindruckendes, überzeugendes Buch vorgelegt, das unter die Haut geht. Wenn das ohne Auszeichnungen und ohne Verfilmung bliebe, läuft etwas schief in dieser Gesellschaft. Noch etwas.

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