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Osterfestspiele Salzburg: Applaus für Leningrader Symphonie

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Mit Blick auf das aktuelle Weltgeschehen hat die Programmierung und erst recht die Aufführung von Schostakowitschs „Leningrader“ Symphonie, dirigiert von einem russischen Dirigenten, durchaus eine gewisse Fallhöhe. Tugan Sokhiev zeigte am Sonntagabend im Großen Festspielhaus in Salzburg unter großem Jubel, warum es eine gute Entscheidung war, das Werk nicht aus dem Programm zu streichen.

Dem Berliner Konzerthaus war das Eisen vor zwei Wochen zu heiß. Dort ersetzte man die „Siebte“ kurzerhand durch Schostakowitschs Fünfte. In Salzburg blieben das russische Werk und der russische Dirigent auf dem Programm. Der Intendant der Osterfestspiele Nikolaus Bachler hat dieser Tage oft genug deutlich gemacht, wie sehr ihm der Umgang mit russischen Künstlerinnen und Künstlern ein Dorn im Auge sei.

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Auch Tugan Sokhiev wurde zu einem politischen Statement aufgefordert, von der Stadt Toulouse, deren Orchester er als Chefdirigent vorsteht. Auf seiner Facebookseite machte er schließlich bekannt, dass er sich nicht zu einer politischen Aussage zwingen lassen wolle. Da er aber gleichzeitig auch noch der Chefdirigent des Moskauer Bolschoi-Theaters war, zog er diplomatische Konsequenzen, gab beide Posten ab und schrieb in seinem Posting weiter, er wolle nicht zwischen dem einen oder den anderen Teil seiner „musikalischen Familie“ wählen müssen. Es sei schockierend und beleidigend, dass einige Leute seinen Wunsch nach Frieden infrage stellten und glaubten, dass er als Musiker „jemals für etwas anderes als den Frieden auf unserem Planeten sprechen könnte.“

Vor 80 Jahren befand sich Russland ebenfalls im Krieg, jedoch belagert von den Deutschen. 1941 komponierte Dimitri Schostakowitsch große Teile seiner Siebten in dem von deutschen Truppen blockierten Leningrad. Dass die Erstaufführung stattfinden konnte, glich einem Wunder, für das sogar extra Musiker von der Front zurück geholt werden mussten. Das Werk ist mit dieser Geschichte natürlich geradezu prädestiniert, um entsprechend aufgeladen und interpretiert zu werden.

Schostakowitschs Meinung findet sich in seinen posthum veröffentlichten Memoiren: „Ich habe nichts dagegen einzuwenden, dass man die Siebte die ‚Leningrader‘ Sinfonie nennt. Aber in ihr geht es nicht um die Blockade. Es geht um Leningrad, das Stalin zugrunde gerichtet hat.“ Die Lesart sei also frei. In der von Tugan Sokhiev fand sich am Sonntagabend relativ wenig Brutalität. Seinen Fokus legte er stark auf eine schlanke und weiche Führung der Sächsischen Staatskapelle Dresden, der er als Gastdirigent im Großen Festspielhaus vorstand.

Die Vorstellung der beiden Themen im ersten Satz wird aufgrund ihrer Klangähnlichkeit mit Militärmusik auch „Invasionsepisode“ genannt. Doch Sokhiev ließ die Dresdner hier, angeleitet von der kleinen Trommel, eher schreiten als marschieren. Auch im weiteren Verlauf setzte er eher auf die sanften und leisen Passagen und bot damit den hervorragenden Solisten der Sächsischen Staatskapelle eine große Bühne. Vorsicht oder Absicht? Ein wenig mehr Pathos hätte dem Werk zumindest stellenweise nicht geschadet. Das Publikum zeigte am Ende jedenfalls demonstrativ Begeisterung, applaudierte ihn mehrmals auf die Bühne zurück und gab am Ende sogar stehende Ovationen. Auch das kann man Haltung nennen.

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