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Geigenstar Nigel Kennedy: „Ich bin kein rebellischer Typ“

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Er ist einer der legendären Geiger seiner Generation, der mit seiner Einspielung der „Vier Jahreszeiten“ 1989 zum Star aufstieg und sich als Rebell im steifen Klassikgeschäft etablierte: Nigel Kennedy. Nun hat der 64-jährige Brite unter dem Titel „Mein rebellisches Leben“ seine Memoiren veröffentlicht. In Anekdoten und kurzen Essays erzählt Kennedy von seiner Kindheit in einem Musikerhaushalt, seiner Liebe zum Fußball, von Erfolgen, aber auch Niederlagen.

Der unkonventionelle Musiker, der sich weitgehend vom Klassikgeschäft abgewandt hat und mit Popgrößen wie The Who oder Paul McCartney zusammenarbeitete, ist bis heute von großem Humor beseelt. Mit der APA sprach Nigel Kennedy aus Anlass seines neuen Buches über seinen Weg in und hinaus aus der Klassik, seine Liebe zu Japan und Tampons zum Frühstück.

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APA: In gewissem Sinne stellt „Mein rebellisches Leben“ ja nach „Always playing“ aus Anfang der 90er ihre zweite Autobiografie dar. Was hat Sie 30 Jahre später bewogen, wieder in die Tasten zu greifen?

Nigel Kennedy: Naja, das damals kann man eigentlich nicht eine Autobiografie nennen. Das wäre auch ziemlich vermessen, wenn das 30 Jahre her ist! Aber ich nenne auch „Mein rebellisches Leben“ lieber „Memoiren“ als Autobiografie. Das ist ja keine durchgängige Erzählung von 1957 angefangen, sondern besteht aus kleinen Flickern, Ideen, Anekdoten, die ich zusammengesetzt habe.

APA: Stand dieser mosaikhafte Aufbau des Buches von Beginn an fest?

Kennedy: Das entspricht einfach meiner Aufmerksamkeitsspanne. (lacht) Ich bin niemand, der sich auf ewig lange Texte konzentrieren kann.

APA: Ein Ghostwriter wäre für Sie keine Option gewesen?

Kennedy: Nö, das wollte ich nicht. Ein Ghostwriter hätte einfach nur alles geglättet, und am Ende hätte es geheißen, dass wir Tampons zum Frühstück hatten! Nein danke.

APA: Schreiben Sie eigentlich Tagebuch?

Kennedy: Ich hatte eigentlich nie wirklich Zeit zum Schreiben. Ich stehe morgens auf und spiele meinen Bach - das ist wunderbar, um die Finger in Schwung zu bringen und auch klar zu machen: Ich bin Musiker. Kein Mechaniker oder so was, sondern einer, der mit seinem Instrument arbeitet. Und wenn ich dann abends irgendwann nach Hause komme, freue ich mich, wenn ich Zeugs von anderen Leuten lesen kann und nicht mein eigenes! Ich liebe zum Beispiel die japanischen Jungs.

APA: Wieso gerade die?

Kennedy: Ich glaube, das ist der Widerspruch zwischen dieser sehr restriktiven Gesellschaft und der Freiheit, die sie suchen, den ich spannend finde. Und es sind Typen, die eine Philosophie haben, die nicht bedeutet, dass man alle möglichen Sachen anhäuft, sondern loslässt. Bei den kleinen Appartements in Japan geht das wohl nicht anders. (lacht)

APA: Der deutsche Titel Ihres Buches lautet „Mein rebellisches Leben“. War es retrospektiv rebellisch genug für Sie?

Kennedy: Ach, ich bin eigentlich überhaupt kein rebellischer Typ. Nur weil ich mich gegen die Konvention aufgelehnt habe, dass Typen in unbequemen Klamotten Musik machen oder einfach die Musik von anderen ohne Herz nachspielen und imitieren? Ich bin eigentlich jemand, der immer das Gemeinsame mit den Menschen sucht, schaut, dass es allen gut geht. Und nur, wenn es irgendwo hakt, begehre ich auf!

APA: Sie schildern in ihren Memoiren anders als die meisten Kollegen primär nicht die großen Erfolge, sondern vor allem auch Niederlagen, Rückschläge. Hatten Sie nie Probleme damit, dies so offenzulegen?

Kennedy: Nein. Du musst dich als Musiker eh immer öffnen, wenn du mit den Menschen im Publikum irgendeine Verbindung eingehen willst. Ich habe immer versucht, keine Barrieren zwischen mir und den Leuten im Saal zu haben.

APA: Sie sind ja der erste Violinist in Ihrer Familie, war doch Ihre Mutter Cellistin und der Vater Pianist...

Kennedy: Oh - da haben wir jetzt eine Genderkonfusion! (lacht) Es war bei uns umgekehrt. Mein Papa war Cellist und meine Mutter die Pianistin...

APA: Hups, Entschuldigung. In Zeiten wie diesen sind die Gender ja aber fluide...

Kennedy: Das stimmt wohl, Mann. Aber um ehrlich zu sein, wollte ich eigentlich Cello lernen, aber meine Mutter war dagegen. Sie hat gemeint: Ich möchte nicht noch so ein großes Ding in der Wohnung rumstehen haben!

APA: So ist es dann die Violine geworden. Und trotzt Ihres Unbehagens mit den Usancen der Klassikwelt sind Sie - zumindest am Anfang - kein Jazzer oder Popmusiker geworden. Warum?

Kennedy: Ich bin schon als Baby unter dem Klavier gelegen, während meine Mutter gespielt hat, und ich habe die ganzen Beats von Beethoven oder Schumann quasi mit der Milch aufgesogen. Da war der Anfang für mich als Musiker eigentlich klar.

APA: Hat sich denn die Klassikwelt seit Ihrem Einstieg 1989 verändert?

Kennedy: Das ist eine gute Frage. Da habe ich noch nicht drüber nachgedacht. Vielleicht. Aber andererseits sind wir Cross-over-Künstler immer noch die absolute Ausnahme, die von der einen wie der anderen Seite nicht wirklich akzeptiert wird...

APA: Sie haben ja vor acht Jahren Ihre letzte Platte veröffentlicht. Haben Sie keine Lust mehr?

Kennedy: Ist das schon wieder so lange her? Ich tue mir manchmal etwas schwer mit chronologischen Einordnungen. Ich könnte hier in jedem Falle in meinem Haus in Polen etwas aufnehmen. Meine Idee ist, dass ich die Bach-Sonaten und Partiten für Solovioline einspiele und jede Woche eine ins Netz stelle. Ich weiß zwar noch nicht wirklich, wie das geht, aber da finde ich jemanden!

APA: Apropos Polen. Sie leben jetzt praktisch am Land?

Kennedy: Angesichts der aktuellen Entwicklungen mit Corona leben meine Frau und ich jetzt eigentlich permanent hier. Wir haben hier viel Platz, sodass man auch im Lockdown rauskommt. Und das Gemüse würde uns zur Not auch für ein halbes Jahr reichen.

APA: Bekommen Sie etwas von der aktuellen Lage der Flüchtlinge in der Ukraine mit?

Kennedy: Die Menschen sind hier in Polen unglaublich hilfsbereit. Wenn ich mir vorstelle, wie man in England reagiert hätte, bevor Johnson seinen Brexshit durchgezogen hat, wenn da Hunderttausende Flüchtlinge gekommen wären! Da hätte es Demonstrationen auf der Straße gegeben. Aber hier wird den Leuten geholfen. Aber klar, das sind echte Scheißzeiten, in denen wir momentan leben!

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

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