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Hubert von Goisern begeisterte im Konzerthaus mit Vielfalt

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Was hat dieser Mann nicht alles zu sagen: Steht Hubert von Goisern auf der Bühne, muss man auf alles gefasst sein. Etwa, dass er in Kleinstbesetzung Konzerte bestreitet, wie zuletzt zum Tourneeauftakt aufgrund mehrere Coronafälle in der Band. Oder, dass er von harten Rocksounds bis gefühlvollem Jodler alles in seine Auftritte packt. Dieser Erzähler vieler Geschichten bewegt sich - immer noch - mit unbändiger Neugier durch die Stile, so auch am Mittwoch im Wiener Konzerthaus.

Die gute Nachricht vorweg: „Se sand olle wieder do!“ Das durfte der im Herbst 70 werdende Sänger, Multiinstrumentalist, Komponist und seit zwei Jahren auch Romanautor („flüchtig“) gleich zu Beginn des über zweieinhalbstündigen Abends verkünden. Vor knapp zwei Wochen war das noch anders, als just zum Tourauftakt vier seiner fünf Bandmitglieder von Corona erwischt wurden. An eine Absage habe er aber nie gedacht. „Meine Frau sagt immer: Du bist so stur! Aber in solchen Fällen hilft das schon“, schmunzelte er.

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Nun geht aber ohnehin alles wieder seine geregelten Bahnen. Soll heißen: Mit einer äußerst spielfreudigen Truppe durfte sich der Goiserer durch sein 2020 erschienenes, immer noch aktuelles Album „Zeiten & Zeichen“ spielen. Und dafür zog er wirklich alle Register: Vom bluesig-stampfenden „Dunkelblau (Königin der Nacht)“ über die mit ordentlich Krach versehene „Sinnerman“-Adaptierung „Sünder“ bis zu der für ihn typischen Dekonstruierung traditionellen Liedguts beim „Gamstod“ war alles dabei, was man erwarten und erhoffen durfte.

Dass sich Von Goisern für diese Platte durchaus aus dem Fenster gelehnt hat, bezeugten das an Rammstein gemahnende „Brauner Reiter“ oder „Freunde“, diese überbordende, zwischen Rap und Operette angesiedelte Nummer, die er über den von den Nazis ermordeten Librettisten Fritz Löhner-Beda geschrieben hat. Harter Tobak, der aber sogleich gebrochen wurde von humoristischen Einlagen wie „Eiweiß“ oder „Grönlandhai“. Nicht nur da kokettierte Von Goisern mit schlageresken Tönen, die er aber stets in der für ihn so typischen Art in ein offenes Klanguniversum einbettet. In diesem durften kantige Sounds ebenfalls nicht fehlen, als „El Ektro“ mit Beats und Stimmeffekten das Konzerthaus zur Disco machte.

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Zugute kam ihm bei all diesen stilistischen Volten natürlich eine Band, auf die er sich voll verlassen konnte und die dem Meister, der vielfach mit geschlossenen Augen ganz tief in seine Musik versunken war, blind folgte. Da half es natürlich auch, dass der zu Beginn noch etwas unausgewogen abgemischte Sound von Nummer zu Nummer an Druck und Transparenz gewann, wodurch auch Sängerin und Multiinstrumentalistin Maria Moling mehr in Erscheinung treten konnte. Es war letztlich ein wahres Miteinander zu erleben, spielten sich Von Goisern und seine Kollegen die Bälle zu, wurden Phrasen und Melodien aufgegriffen, fortgeführt, umgedeutet, um das Mehr des Liveerlebnisses auch deutlich zu machen.

Und natürlich: die Geschichten. Immer wieder gab es Einblicke in die Entstehung der Lieder, erzählte Von Goisern von Titeln und Texten, die sich im Nachhinein als geradezu prophetisch offenbarten oder gab den Naturkundler angesichts der (kaum vorhandenen) Flora und (mitunter bedrohlichen) Fauna Grönlands. Politisch wurde es natürlich auch, wenngleich dieser Künstler kein Freund des erhobenen Zeigefingers oder der plakativen Worte ist. Für den Vielgereisten ist jedenfalls klar: Alle Menschen, egal wo auf der Erde, „haben dieselben Träume, Wünsche und Bedürfnisse“.

Am Ende gab es großen Jubel und Standing Ovations für ein intensives Set, das den Besuchern durchaus einiges abverlangte, mit großen Stücken wie „Weit, weit weg“ und „Heast as net“ aber auch nachvollziehbare Erwartungen erfüllte. Selbst 30 Jahren, nachdem er mit dem Album „Aufgeigen stått niederschiassen“ seinen Durchbruch feierte, bleibt Hubert von Goisern ein Künstler, der sich stets Neuem zuwendet und den Blick nach vorne gerichtet hat. Diesem wachen Geist zu folgen, mag für Fans manchmal eine Herausforderung sein - lohnend und kurzweilig ist es allemal.

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