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Alfred Kubins „gequälte Seele“ im Leopold Museum

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Ein Eintauchen in surreale, oft albtraumhafte Welten ist ab dem morgigen Samstag im Wiener Leopold Museum möglich: Mit Alfred Kubin widmet sich das Haus einem Künstler, der seine eigenen Zwänge und Ängste in düstere Bilder umgesetzt hat. Das bezeugt auch der Titel der Schau: „Bekenntnisse einer gequälten Seele“. Für Direktor Hans-Peter Wipplinger geht es um „eine Reise in die innersten Empfindungswelten des Künstlers“.

Er hat die große Frühjahrsausstellung des Leopold Museums persönlich kuratiert und dafür weit über 200 Werke zusammengetragen. So ist es nicht nur die meist in schwarz-weiß gehaltene Bildsprache des am 10. April 1877 geborenen Kubin, der man in den elf Sälen begegnet, sondern werden diese Vorbildern und Zeitgenossen gegenübergestellt. Von Francisco de Goya über Max Klinger bis zu Edvard Munch reicht die Auswahl, und sie ist keineswegs auf das Malerische beschränkt. Immerhin hat Kubin selbst 1909 den fantastischen Roman „Die andere Seite“ veröffentlicht und zeugt sein Werk auch von literarischen Inspirationsquellen wie E.T.A. Hoffmann oder Edgar Allan Poe.

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Das Unheimliche und Ungewisse, es ist stets präsent in Kubins Werk: Beispielsweise wenn man die Massen betrachtet, die sich im Bild „Ins Unbekannte“ auf dem Weg in einen riesigen Schlund befinden. Oder aber die ominöse Stimmung, die von seinem „Rattenhaus“ ausgeht, aus dem selbst die Tiere flüchten. Dass man sich oft wie auf einer Achterbahn ohne Kontrolle fühlt, empfand offenbar auch schon Kubin: Sein „Der Mensch“ ist eine Figur, der gewissermaßen Richtung Horizont und Abgrund gleichermaßen unterwegs ist. Ein Ausweg scheint nicht möglich.

Die Auseinandersetzung mit Kubins Werk bedeute auch, „in kulturhistorische und gesellschaftliche Phänomene einzutauchen, die das geistige Fluidum des untergehenden Habsburgerreiches ausmachten und die Kubins Wesen und Kunst prägten“, wird Wipplinger in den Presseunterlagen zur bis 24. Juli laufenden Schau zitiert.“Seine dystopischen Visualisierungen, die den Symbolismus und die fantastische Kunst des 19. Jahrhunderts fortführen, setzen sich aus realer und imaginärer Wirklichkeit zusammen: eine Synthese, in der das Unheimliche der pessimistischen Weltkonstruktionen immer wieder mit Humor, Ironie und Übertreibung versehen ist.“

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Die inhaltliche Stoßrichtung scheint bei Kubin nur zu gut nachvollziehbar, führt man sich seine Lebensgeschichte vor Augen. Seine Mutter starb, als er zehn Jahre alt war, das Verhältnis zum Vater war zeitlebens ein schwieriges und vielfach von Zurückweisung geprägt. Zudem stand er unter dem Eindruck der gesellschaftlichen Umwälzungen zur Jahrhundertwende, dem Niedergang des Habsburger Reiches und von zwei Weltkriegen. Seine Beschäftigung mit Geburt, Leben und Tod, sie erscheint vor diesem Hintergrund nur konsequent - wobei auch die Schriften von Sigmund Freud sowie die Ansichten C.G. Jungs bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen haben.

All das mündete in Traumwelten, furchterregende Mischwesen, aber auch unheimliche Orte, die Kubin darstellte. Dazu kam die Darstellung des Weiblichen meist als Bedrohung, während der männliche Part nicht selten in Richtung eines Opfers gedeutet wurde - oder aber in Aggression umschlug. Er habe „eine dämonische Gegenwelt“ entwickelt, so Wipplinger, „in welcher der Mensch unheilvollen Schicksalsfiguren ohnmächtig ausgeliefert ist“. Naturgemäß findet sich dabei der Schrecken des Krieges wieder, wenngleich abstrahiert und ins Monströse verdreht. Nicht nur deshalb wirkt das Werk des 1959 verstorbenen Künstlers in einer von Pandemie und Krieg geprägten Welt ungemein zeitgemäß.

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