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Nach „Moskwa“-Untergang nimmt Russland Kiew ins Visier

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Nach dem Untergang ihres Schwarzmeer-Flaggschiffs „Moskwa“ hat das russische Militär am Freitag eine Raketenfabrik im Großraum Kiew unter Beschuss genommen und weitere Angriffe auf die Hauptstadt angekündigt. Da aus der Fabrik auch Anti-Schiffs-Raketen kommen, gehen Beobachter von einer Vergeltungsaktion für den Verlust des Kriegsschiffs aus. Russland weist allerdings die Darstellung der Regierung in Kiew zurück, die „Moskwa“ sei von ukrainischen Raketen getroffen worden.

Unterdessen hat Russland nach eigenen Angaben in der Stadt Mariupol am Asowschen Meer mit dem Stahlwerk „Iljitsch“ eine der letzten Bastionen der Verteidiger vollständig unter eigene Kontrolle gebracht. Ukrainischen Angaben zufolge gehen die Kämpfe um das Stahlwerk allerdings weiter. Es gebe in diesen Bereichen aktive Straßenkämpfe, sagt ein Sprecher des Verteidigungsministeriums.

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Russland kündigte nach dem Angriff auf die Raketenfabrik bei Kiew weitere Attacken auf die ukrainische Hauptstadt an. Dort waren am Freitag so starke Explosionen zu hören, wie kaum seit dem Rückzug russischer Truppen aus der Region um die ukrainische Hauptstadt vor zwei Wochen. Die Attacke in Kiew begründete das russische Verteidigungsministerium mit Vergeltung für angebliche ukrainische Angriffe auf russisches Staatsgebiet, von denen die russischen Behörden am Donnerstag mehrere gemeldet hatten.

Russland hatte der Ukraine zuvor vorgeworfen, am 29. März mindestens drei Raketen auf ein Munitionsdepot in der Stadt Belgorod abgefeuert zu haben. Anfang April wies die Regierung in Kiew russische Vorwürfe zurück, für einen Großbrand in einem Treibstofflager nahe der Stadt verantwortlich zu sein. Dies wäre der erste bekannte ukrainische Angriff auf Ziele in Russland seit dem Beginn des Krieges gewesen. Angaben aus dem Kriegsgebiet lassen sich nicht immer unabhängig überprüfen.

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Die Schwarzmeerflotte „Moskwa“ sank sieben Wochen nach Beginn des Krieges im Schwarzen Meer. Der Raketenkreuzer war zuvor stark beschädigt worden. Uneinigkeit herrschte auch noch am Freitag, ob das Flaggschiff von ukrainischen Raketen des Typs „Neptun“ getroffen wurde oder - wie die russische Seite angibt - durch die Detonation von Munition beschädigt wurde.

Die „Moskwa“ sei am Donnerstag während eines Sturms untergegangen, als sie an ihr Ziel geschleppt werden sollte, teilte das russische Verteidigungsministerium mit. Ein Abschleppen sei notwendig geworden, da das Schiff seine Stabilität aufgrund von Schäden am Rumpf verloren habe, hieß es weiter. „Bei stürmischer See sank das Schiff.“

An dieser Darstellung haben zumindest einige internationale Militärexperten ihre Zweifel: Der Wind in der Region um Sewastopol, wohin das Schiff mutmaßlich gebracht werden sollte, sei am Donnerstag gar nicht besonders stark gewesen, berichtete etwa der US-Sender CNN unter Berufung auf einen früheren General. Sewastopol auf der 2014 annektierten Halbinsel Krim ist der Hauptstandort der russischen Schwarzmeerflotte.

Für die weitere Kriegsführung der Russen bedeutet der Untergang des Schiffs durchaus Probleme. Denn der russischen Flotte geht nicht nur jede Menge Feuerkraft verloren. Ihre Kriegsschiffe, die bisher ungehindert in ukrainischen Gewässern navigierten und von dort Landziele unter Beschuss nahmen, müssen sich darauf einstellen, zunehmend zum Ziel von Küstenbatterien zu werden.

Zudem nutzte Putin das imposante Schiff immer wieder für Treffen mit wichtigen Staatsgästen. Im Jahr 2014 etwa empfing er auf der „Moskwa“ - damals lag der Kreuzer im Hafen der südrussischen Stadt Sotschi - den ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi. Und auch darüber hinaus hat der Untergang der „Moskwa“ eine gewaltige symbolische Bedeutung. Erst am Dienstag - einen Tag vor dem Brand auf der „Moskwa“ - hatte die ukrainische Post Schlangeninsel-Briefmarken, -Karten sowie einen Sonderstempel herausgegeben.

Überhaupt kommt aus Kiew nach dem Untergang große Häme. „Wo ist Moskau? Gesunken“, schrieb der ukrainische Präsidentenberater Olexij Arestowytsch bereits am Donnerstag. Und Verteidigungsminister Olexij Resnikow twitterte schadenfroh, die Ukraine habe nun eine neue Attraktion für Taucher im Schwarzen Meer zu bieten. Auch er selbst wolle zu dem Schiffswrack hinunter schwimmen - „nach unserem Sieg im Krieg“.

Bis Freitag gab das russische Verteidigungsministerium nicht bekannt, ob der Untergang der „Moskwa“ Todesopfer forderte. Aus Moskau hieß es zwar, die Besatzung sei nach einem Brand auf andere Schiffe der Schwarzmeerflotte in der Gegend gebracht worden. Der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, John Kirby, hingegen sagte dem TV-Sender CNN, es sei „wahrscheinlich“, dass es bei dem Vorfall Tote und Verletzte gegeben habe. An Bord seien bis zu 500 Soldaten gewesen.

Nach dem Rückzug aus der Region Kiew konzentriert sich Russland nach eigenen Angaben darauf, die Region Donbass unter ihre Kontrolle zu bringen. Dort beherrschen prorussische Separatisten bereits seit 2014 die Gebiete um die Städte Luhansk und Donezk. Nördlich der besonders umkämpften Stadt Mariupol am Asowschen Meer meldete die Ukraine Erfolge, die nicht unabhängig überprüft werden konnten.

Russland hat sich die vollständige Eroberung von Mariupol zum Ziel gesetzt. Nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums setzte Russland zum ersten Mal seit Beginn der Invasion Langstreckenbomber zum Angriff auf die Stadt ein. Russland konzentriere sich darauf auch die Orte Rubischne und Popasna einzunehmen, sagte ein Ministeriumssprecher. Bisher hat Russland keine Großstadt eingenommen. Nach sieben Wochen Bombardement und Belagerung liegt Mariupol weitgehend in Trümmern. Tausende Zivilisten wurden dort getötet, Zehntausende sind eingeschlossen.

Russland hingegen verlangte einem Zeitungsbericht vom Freitag zufolge ein Ende von Waffenlieferungen an die Ukraine. „Wir fordern die USA und ihre Verbündeten auf, die unverantwortliche Militarisierung der Ukraine zu unterlassen, die unvorhersehbare Konsequenzen für die regionale und internationale Sicherheit impliziert“, hieß es laut der „Washington Post“ in einer diplomatischen Note an die Vereinigten Staaten.

Die russischen Behörden unterbanden unterdessen den Zugang zu weiteren Medien. Wie die Zeitung „The Moscow Times“ mitteilte, wird die russischsprachige Website des Blatts blockiert. Russische Internetdienstleister reagierten laut der Zeitung auf eine Anordnung der zuständigen Aufsichtsbehörde, die für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen war.

Der englischsprachigen Seite der „Moscow Times“ zufolge ist der Grund für die Blockade ein Artikel über die angebliche Weigerung russischer Bereitschaftspolizisten, in der Ukraine zu kämpfen. Die Behörden hätten den Artikel als falsch eingestuft, so die Zeitung, die seit dem Zerfall der Sowjetunion über Russland berichtet. Auch der Zugang zur Website des Senders Radio France International wird blockiert, wie aus Aufzeichnungen der Kommunikationsaufsicht Roskomnadsor hervorgeht. Details werden zunächst nicht bekannt.


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