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„Prisma der Fantasie“ auf der Kunstbiennale Venedig

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Es ist ein Schimmer von Hoffnung in Zeiten von Corona und Krieg in der Ukraine: „The Milk of Dreams“ (Die Milch der Träume) nennt sich die Hauptausstellung auf der 59. Kunstbiennale von Venedig, die am Samstag eröffnet wird. Im Arsenale und im zentralen Pavillon in den Giardini präsentiert Kuratorin Cecilia Alemani 213 Positionen aus 58 Ländern, wobei ein Großteil auf weibliche Künstlerinnen entfällt. Darunter auch die Österreicherinnen Kiki Kogelnik und Birgit Jürgenssen.

„Eine magische Welt, in der das Leben durch das Prisma der Fantasie immer wieder neu gesehen wird“, war für die italienische Kuratorin Alemani Ausgangspunkt für ihre Ausstellung, deren Titel einem Buch von Leonora Carrington entstammt. „Es ist eine Welt, in der sich jeder verändern, verwandeln, etwas oder jemand anderes werden kann“, heißt es dazu im Begleittext. Wie sehr Künstlerinnen und Künstler in ihrer Arbeit jenen Moment der Geschichte erfassen, „in dem das Überleben der Spezies bedroht ist“, zeigt sich in insgesamt fast 1.500 Werken mal deutlicher, mal verklausulierter. Dafür hat Alemani drei Themenbereiche geschaffen: die Darstellung von Körpern und deren Metamorphosen, die Beziehung zwischen Individuen und Technologien und schließlich die Verbindung zwischen Körpern und der Erde.

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Die Beziehung zwischen Körpern und Architektur - oder besser: deren Verschmelzung - begegnet dem Besucher im Arsenale gleich im ersten Raum, der von Simone Leighs „Brick House“ im Zentrum dominiert wird. Eine überdimensionale Bronze einer Schwarzen Frau, deren Rock einer Lehmhütte gleicht und im doppelten Sinne Schutz vor der Welt da draußen verspricht. Flankiert ist die Arbeit der US-Künstlerin von eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Werken der kubanischen Künstlerin Belkis Ayón, in denen im Hintergrund Dämonen über die Protagonisten zu wachen scheinen. Bilder von versklavten Schwarzen Frauen stehen im Zentrum einer Serie der Brasilianerin Rosana Paulino, die in ihrer Serie die Rolle der Frau als Gebärende thematisiert und eine Metamorphose hin zur Verschmelzung mit der Natur andeutet.

Im Kontrast dazu steht wenige Schritte weiter eine knallbunte Frauenskulptur von Niki de Saint Phalle. Zwischen Voodoo und Female Empowerment angesiedelt sind großformatige Wandteppiche von Myrande Constant aus Haiti, in der mythische Szenen ihrer Heimat verhandelt werden. Plastische Wandteppiche zeigt auch Safia Farhat: Die tunesische Künstlerin thematisiert darin die meist nur von Frauen getätigte Textilarbeit.

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Eines der monumentalsten Werke stammt von der kolumbianischen Künstlerin Delcy Morelos, die mit dem extra für die Biennale geschaffenen Werk „Earthly Paradise“ einen ganzen Saal mit schulterhoch aufgeschichteter, gepresster Erde befüllt hat. Laut Begleittext handelt es sich um eine Erinnerung, „dass wir aus der Erde kommen und als Erde enden“. Welche Auswirkungen die Lebensweise der Menschen auf ebendiese Erde hat, zeigt Jessie Homer French, die in ihren kleinen Gemälden etwa brennende Ölplattformen mit darunter schwimmenden Fischen oder brennende Wälder zeigt. Gleich ein ganzes Gewächshaus hat Precious Okoyomon im Arsenale aufgebaut: Auf verschlungenen Pfaden wandelt der Besucher durch allerlei Pflanzeninseln aus Zuckerrohr, die von organischen Skulpturen bewacht werden und einmal mehr das Überleben des Planeten zum Thema haben.

Auch im Zentralen Pavillon in den Giardini dominiert die weibliche (bzw. nicht-binäre) Handschrift. Im zentralen Kuppelsaal thront ein lebensgroßer Elefant der deutschen Künstlerin Katharina Fritsch, der auch als Symbol für matriarchale Gesellschaften steht. Hybride Wesen zwischen Mensch und Tieren oder Pflanzen präsentiert die rumänische Künstlerin Andra Ursuta und lotet so die Grenzen der eigenen Körperlichkeit aus, während an den Wänden rundherum Woll-Gemälde von Rosemarie Trockel die Szenerie bestimmen. „Introspection I - Evolution“ nennt die Amerikanerin Agnes Denes ihr Werk, für das sie Körperteile von Menschen und unseren Vorfahren akkurat vermisst. Fünf Arbeiten aus der Sammlung Verbund sowie eine weitere Zeichnung von Birgit Jürgenssen repräsentierten die österreichische feministische Avantgarde.

„The Milk of Dreams“ ist für Alemani „keine Ausstellung über die Pandemie, aber sie registriert unweigerlich die Umwälzungen unserer Zeit“, wie sie schreibt. Kunst könne „in Zeiten wie diesen helfen, uns neue Formen des Zusammenlebens und unendlich viele neue Möglichkeiten der Transformation vorzustellen“. Für Biennale-Präsident Roberto Cicutto imaginiert die Schau „neue Harmonien, bisher undenkbare Koexistenzen und überraschende Lösungen“.

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