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Parcours und Patchwork: David Maayans Projekt hatte Premiere

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In den 1990ern war der israelische Theatermacher David Maayan mit seinem Akko Theater einer der Stars der Wiener Festwochen. Bei Projekten wie „Arbeit macht frei vom Toitland Europa“ und „Kohelet“ wurde man als Zuschauer hautnahe mit der leidvollen jüdischen Geschichte von Abraham bis zum Holocaust konfrontiert. 30 Jahre danach stellt er sich in einem speziell in Wien entwickelten Projekt erneut dem Thema. „The more it comes the more it goes“ hatte am Dienstag Premiere.

Es ist eine vielschichtige Performance, die als Stadtführung beginnt. Start ist vor dem Uhrenmuseum in der Inneren Stadt, auf historischem Boden. Hier lebte um das Jahr 1400 die erste jüdische Gemeinde Wiens, rund 900 Personen, erklärt der Historiker Philipp Reichel-Neuwirth. Die erste Station befindet sich kaum 100 Meter weiter am Judenplatz. Einige jüdische Mädchen, die mit ihren Vätern den Platz überqueren, sind nicht Statisten, sondern Teil des echten jüdischen Lebens der Gegenwart. Weitgehend ohne theatrale Interventionen erinnert Reichel-Neuwirth an die Auslöschung der ersten jüdischen Gemeinde 1420/21, an Zwangstaufe, Hinrichtung und Selbstverbrennung, und erläutert das hier stehende Holocaust-Mahnmal von Rachel Whiteread. Dessen Symbolik der inversen Bibliothek wird später im Theater Nestroyhof Hamakom eine große Rolle spielen.

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Doch vorerst geht es bei Eiseskälte zur Ankeruhr am Hohen Markt und über den Desider-Friedmann-Platz und die Ruprechtsstiege zum Morzinplatz und von dort über den Donaukanal und entlang des Kanals weiter zum Nestroyplatz. Überraschend: Die in der Leopoldstadt zur Genüge vorhandenen Gedenkorte an die NS-Judenverfolgung werden im historischen Parcours nicht behandelt. Dafür erfährt man Interessantes über Fanny von Arnstein, die Ende des 18. Jahrhunderts in dem 1952 abgerissenen Familien-Palais am Hohen Markt einen berühmten Salon unterhielt, oder über Inge Ginsberg, die sich in der NS-Zeit eine Nacht in der Ankeruhr versteckt haben soll. Ihr wird man, eindrucksvoll verkörpert durch Schauspielerin Theresa Martini, im Theater Nestroyhof Hamakom persönlich begegnen. Das historische Vorbild überlebte einige Jahre als „U-Boot“ in Wien, flüchtete mit Mutter und Bruder in die Schweiz und starb erst im Vorjahr 99-jährig in Zürich.

Ginsbergs Geschichte ist eines von vielen Puzzleteilen, die David Maayan zusammengetragen hat, für sich interessant sind, doch kein wirklich schlüssiges Ganzes ergeben. Die Aufführung, die nach einer kurzen Verschnaufpause im Hamakom beginnt, bringt die nun in drei Gruppen geteilten Zuschauer auch mit Schülerinnen des BORG Neulengbach und ihrem Klassenvorstand Ulrich Probst sowie mit dem Grafiker Andreas Joska-Sutanto in Berührung. Erstere beschriften unermüdlich Bücher mit mehrstelligen Zahlen-Buchstaben-Kombinationen und ordnen sie in eine große Bibliothek ein, Letzterer betreibt seit sieben Jahren das Projekt „Kein Mampf“ und hat sich die „Atomisierung“ von Hitlers „Mein Kampf“ in seine Einzelteile, sprich: in seine einzelnen Buchstaben, vorgenommen. Aus 750.000 Buchstaben bestehe das Machwerk, erklärt der den Zuschauern, derzeit halte er auf Seite 82 von 400...

In allen Räumen befinden sich jede Menge Bücher. Auch im Hamakom geht man auf Wanderschaft - hier immer wieder von Theresa Aigner mit eindringliche Violinen-Melodien begleitet. Im Keller begegnet man nicht nur Schulmädchen, die Anne Frank zitieren, projizierten Fotos aus dem Erinnerungsalbum eines in Auschwitz tätigen SS-Offiziers („These were the men and women who ran Auschwitz“, heißt es dazu fassungslos vom Tonband, „They look almost like normal people.“) und einem traurig umherirrenden Menschenaffen (Gorillakostüm: Christoph Bochdansky).

Diese rätselhaften Bilder werden durch Eindeutiges wie eine Vielzahl kleiner Mahnmal-Modelle sowie von Joshua Sobol und Magda Woitzuck vorgetragene Video-Texte kontrastiert. Der Holocaust habe wie ein Schwarzes Loch gewirkt, sagt Woitzuck. Er habe die Fäden, die uns mit der Vergangenheit verbinden, millionenfach gekappt. Ein paar Fäden hat David Mayaan nun wieder aufgenommen und damit ein paar Erinnerungsfetzchen aneinandergenäht. „The more it comes the more it goes“ ist dreistündige Flickarbeit an einem Patchwork, aus dem niemals wieder ein Ganzes wird. Und an dem zu arbeiten dennoch nicht aufgehört werden darf. Damit das Schwarze Loch nicht am Ende doch alles verschlingt.

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