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„Die unheimliche Bibliothek“: Murakami-Erzählung im Odeon

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Der Saal der ehemaligen Produktenbörse in der Taborstraße ist einer der schönsten Theaterräume Wiens. Diesen Umstand nützt Jacqueline Kornmüller bei ihrer Inszenierung von „Die unheimliche Bibliothek“ von Haruki Murakami, die am Donnerstag Premiere feierte, für eine betörende Installation. Nicht Regale, sondern einzelne, diagonal aufgestellte große Bücher bieten eine Atmosphäre, die zur Kunstbiennale in Venedig passen würde. Die Aufführung lässt der Fantasie viel Freiraum.

Jacqueline Kornmüller und ihr Partner Peter Wolf (der diesmal mit Schaf-Maske selbst auf der Bühne steht) haben sich als Gruppe „wenn es soweit ist“ vor allem mit Museums-Bespielungen („Ganymed“) einen internationalen Namen gemacht. 2015 setzten sie mit „Die Botschaft von Kambodscha“ einen Text von Zadie Smith im Wiener Jörgerbad in Szene und lotsten die prominente Autorin nach Wien. Diesmal ist es ihnen gelungen, von Haruki Murakami persönlich die Freigabe für eine Theater-Adaption seiner 2005 auf Japanisch und 2013 auf Deutsch (und mit Zeichnungen der deutschen Illustratorin Kat Menschik) erschienenen kurzen Erzählung „Die unheimliche Bibliothek“ zu erhalten.

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Eigentlich spielt die Geschichte überwiegend in einem verliesartigen Kellerraum unter der Bibliothek. Hierher wird ein Bub, der bloß zwei Bücher zurückgeben und neue ausleihen wollte, von einem alten Mann gebracht. Einen Monat habe er Zeit, Bücher auswendig zu lernen, heißt es. Andernfalls drohe ihm ein schreckliches Schicksal. Der „Schafsmann“, der ihm in dieser Zeit dreimal täglich Mahlzeiten servieren soll, klärt den Buben auf: Der Alte werde ihm den Kopf abschneiden und das mit Wissen angereicherte Hirn aussaugen. Keine schönen Aussichten.

Die 70-minütige Inszenierung versucht erst gar nicht, sich auf eine Horror-Show einzulassen, sondern beschränkt sich darauf, sanfte Anstöße für die Fantasie der Zuschauer zu geben. Und sie bietet auch einige Gelegenheiten zum befreienden Lachen. Dafür sorgt insbesondere Klemens Lendl („Die Strottern“), der mit David Müller und Peter Rom nicht nur für die musikalische Untermalung zuständig ist, sondern auf einem Bücherstapel sitzend und stehend auch den sanften Ich-Erzähler gibt. Bei seinen Beschreibungen der köstlichen Speisen, die dem Buben serviert werden, läuft einem das Wasser im Mund zusammen. Wer in der ersten Reihe sitzt, darf sich glücklich schätzen und sich an den vom Schafsmann servierten und als besonders gelungen beschriebenen frischen Donuts bedienen.

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Nils Arztmann wird als Bub, der sich nur ein paar Bücher über die Steuereintreibung im Osmanischen Reich besorgen will und sich an einer Liege angekettet wiederfindet, nicht nur mit seinen Ängsten, sondern auch mit seinen Träumen konfrontiert. Manaho Shimokawa irrlichtert als stumme, ätherische Schönheit durch seine Gefangenschaft und weckt in ihm nicht nur die erste Liebe, sondern auch den Wunsch nach Solidarität und den Mut für Auf- und Ausbruch, den er gemeinsam mit ihr und dem Schafsmann wagt. Christian Nickel als monströser Bibliothekar und Yoshie Maruoka als geheimnisvolle Helferin verleihen in diesem kunstvollen Ambiente, das ein großer Mond noch weiter in einen Fantasieraum entrückt, ihrem Spiel nur rudimentären Realismus. Und das ist sehr gut so. Viel Applaus.

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