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59. Biennale wird vom Ukraine-Krieg überschattet

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Angesichts langer Vorlaufszeiten zeigt der Krieg in der Ukraine auf den ersten Blick nur relativ wenige Spuren auf der 59. Biennale von Venedig, die am Samstag, am 59. Kriegstag, für das allgemeine Publikum eröffnet: Neben teils improvisierten ukrainischen Projekten und punktuellen Protestaktionen verweist insbesondere der geschlossene Pavillon Russlands auf die blutigen Ereignisse im Osten Europas. Fast vollständig zu Hause geblieben ist die russische Kunstszene.

Seit vor etwa 20 Jahren steigende Öl- und Gaspreise riesige Geldmengen nach Russland gespült und Oligarchengattinnen ein Faible für zeitgenössische Kunst entwickelt hatten, waren die Eröffnungstage der Biennale zu russischen Hotspots avanciert. Das betraf nicht nur die Kunstszene Russlands, sondern insbesondere auch neue Superreiche, die in Venedig mit Partys und Jachten wiederholt von sich reden machten.

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In seinem offiziellen Beitrag im britischen Pavillon sehnte Jeremy Deller 2013 die Versenkung der 160 Meter langen „Eclipse“ von Multimilliardär Roman Abramowitsch nahezu herbei. Diese und anderen Superjachten von russischen Oligarchen waren bei vorangegangen Biennalen stets protzig in Giardini-Nähe vor Anker gegangen.

Mit dem Kriegsbeginn am 24. Februar hat sich dieses russische „Parkplatzproblem“ erledigt. Abramowitsch konnte seine „Eclipse“ vor EU-Sanktionen mit Ach und Weh in einen türkischen Hafen retten und war auch deshalb in der Lagunenstadt nicht zu sehen. Das gilt auch für Gasmilliardär Leonid Michelson, dessen V-A-C-Stiftung in der Vergangenheit als Sponsor der Biennale aufgetreten war und der am Zattere sogar eine Dependance eröffnet hatte. Trotz seiner offensichtlichen Nähe zu Putin findet sich Michelson selbst einstweilen auf keiner EU-Sanktionsliste, was am Donnerstag auf einem Plakat unweit des Arsenale kritisch vermerkt wurde.

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Jene sporadische Vertreter der russischen Kunstszene, die es in diesen Tagen aus Russland nach Venedig geschafft hatten und die einstweilen wieder zurückfahren wollen, hielten sich mit öffentlichen Bekundungen deshalb auch zurück. Manche machten aber in persönlichen Gesprächen kein Hehl daraus, völlig gegen den Krieg eingestellt zu sein, darunter auch Mitarbeiter von staatlichen russischen Kunstinstitutionen.

Selbst informelle Kontakte dieser Russen zur ukrainischen Kunstszene waren am Mittwoch bei einer Ausstellungseröffnung am Riva San Biasio zu beobachten, es handelte sich um die ersten Treffen seit Kriegsbeginn: Die bekannte Kiewer Künstlerin Schanna Kadyrowa, die in der Vergangenheit auch in Moskau ausgestellt hatte, zeigte steinerne Brotlaibe. Sie spielte damit auf die ukrainische Bezeichnung dieses Lebensmittels an, dessen ukrainische Bezeichnung „Paljanyzja“ von russischen Muttersprachlern in der Regel nicht korrekt ausgesprochen wird. Der ukrainische Widerstand verwendete dieses Wort zuletzt, um lokale Truppen von russischen Invasoren zu unterscheiden.

Kadyrowas pointierte Galerieausstellung ist eines von zumindest fünf ukrainischen Projekten, das auf der Biennales selbst sowie im Parallelprogramm zu sehen ist und in denen jeweils um Solidarität mit der Ukraine geworben wird. Neben dem offiziellen Pavillon im Arsenale mit der minimalistischen Installation des Charkiwers Pawlo Markow und der ebenso sehr gelungenen Piazza Ucraina der Kiewer Architektin Dana Kosmina in den Giardini macht insbesondere der ukrainische Oligarch Viktor Pintschuk auf die Ukraine aufmerksam. Eigentlich hätte in der prächtigen Scuola Grande della Misericordia in Cannaregio der traditionelle Future Art Prize des Pintschuk-Kunstzentrums gezeigt werden sollen. Doch der Krieg führte zur Absage dieses Plans und seit Donnerstag ist die manifestartige Schau „Das ist die Ukraine: Wir verteidigen unsere Freiheit“ zu sehen, in der neben ukrainischer Kunst auch Arbeiten bekannter internationaler Künstler wie Marina Abramovic, Damien Hirst oder Takashi Murakami gezeigt wird.

Die wahren Stars dieser Ausstellung, deren oligarchische Protzigkeit ein wenig verstört, waren am Eröffnungsabend freilich Jewhenija Bjelorussez (Jewgenija Belorussez), Lesja Chomenko und Nikita Kadan, die von internationalen Kuratoren und Journalisten förmlich umringt wurden. In ihren neuen Werken haben sie jeweils den Krieg und seine Auswirkungen dokumentiert: Die Fotografin und Literatin Bjelorussez präsentierte Fotografien und ihre zuletzt im „Spiegel“ erschienenen Kriegstagebücher aus Kiew. Chomenko zeigte Porträts einfacher ukrainischer Männer, die seit dem 24. Februar in den Krieg gezogen waren. Die großformatigen Gemälde künden auch von persönlicher Betroffenheit: Unter den Porträtierten befindet sich auch Chomenkos Gatte, der Kiewer Medienkünstler Maks Robotow.

Kadan zeigte indes eine große Installation mit gefundenen Kriegsobjekten, darunter ein Blechteil, das er nach der Bombardierung seiner Kiewer Nachbarschaft auf der Straße gefunden hatte. Da Männer im wehrfähigen Alter eigentlich nicht ausreisen dürfen, hatte Kadan für diese Ausstellungsteilnahme in Venedig eigens eine Ausreisesonderbewilligung von der ukrainischen Regierung erhalten. In wenigen Tagen muss der 1982 geborene Künstler jedoch wieder in seine Heimat zurückkehren, anderenfalls würde er sich strafbar machen. Wann er das nächste Mal ausreisen werde können sei unklar, erläuterte Kadan am Donnerstagabend Vertretern von europäischen Kunstinstitutionen, die ihn derzeit gerne ausstellen würden.


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