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Die Geige als Kompass: Gidon Kremers 75er im Konzerthaus

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Drei Tage vor Gidon Kremers 75. Geburtstag am 27. Februar hat der russische Angriffskrieg auf die Ukraine begonnen. Zwei Monate später ist die Welt eine andere. Am Samstagabend beging der aus Lettland stammende Ausnahmemusiker seinen Geburtstag im Wiener Konzerthaus. Natürlich selbst an der Geige, die ihm auch in dieser neuen Welt als sicherer Kompass gilt. Sein Repertoire ist russisch und endet in einem „dem Leiden der Ukraine“ gewidmeten „Requiem“ des Georgiers Igor Loboda.

Ustwolskaja, Weinberg, Schostakowitsch - Gidon Kremer, 1947 in Riga mit deutschen Wurzeln geboren, in Russland zu Ruhm gekommen und 1980 für immer aus der Sowjetunion emigriert, war stets Advokat der widerspenstig-ambivalenten Musik der Sowjetzeit, insgesamt der osteuropäischen und insbesondere der baltischen Tonsatztradition. Sein Einfluss auf die Entdeckung einzelner Komponisten im Westen - darunter die beiden Schostakowitsch-Schüler Galina Ustwolskaja und Mieczyslaw Weinberg, aber auch Arvo Pärt oder Sofia Gubaidulina - kann kaum hoch genug eingeschätzt werden, nicht zuletzt im Rahmen seiner langjährigen, kultigen Wirkstätte, der burgenländischen Burg Lockenhaus. Im Konzerthaus hat Kremer seit 1978 fünfzig Auftritte absolviert.

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Sein Einsatz für Musik, von der er überzeugt ist, hatte stets etwas Unnachgiebiges, den Konventionen des Konzertbetriebs trotzig Unangepasstes, und er diktiert auch seinen Interpretationsstil: Immer das Werk im Vordergrund, nie die geigerische Eitelkeit. Schönklang oder auch Virtuosentum war für diesen Künstler, der im Alter von nur 35 Jahren mit dem üblicherweise für das Lebenswerk vergebenen Ernst von Siemens Musikpreis ausgezeichnet wurde, nie eine relevante Kategorie. Das Werk am Wesen packen, mit vier Saiten, kantigem Bogenstrich und einem sensiblen Ohr für Menschlichkeit - das ist damals wie heute sein Zugang. Ingo Metzmacher und die Wiener Symphoniker folgen auch in Großbesetzung anschmiegsam.

Den Krieg in der Ukraine hat Kremer in den vergangenen Wochen mehrfach kenntnisreich kommentiert, hat Programme ukrainischer Komponisten gespielt, Benefizkonzerte - auch in Wien - gegeben und war lange schon Warner vor den Entwicklungen der russischen Politik. Als so klar Positionierter darf er sich auch im aktuellen kulturpolitischen Klima, das allem Russischen einen verpönten Anstrich zu geben versucht ist, seiner lebenslangen Liebe zum russischen Repertoire hingeben. Weinberg selbst war freilich polnischer Jude, wurde zunächst von den Nazis Richtung Russland vertrieben und geriet dort später unter Stalin erneut in Bedrängnis.

Sein Violinkonzert, das zu Kremers Favoriten zählt, ist ein bitterernstes Stück, mit großen symphonischen Linien, denen die Sologeige nicht so sehr als virtuose Figur im Rampenlicht, sondern als stille, bittende Mahnerin gegenübersteht. Es ist wirkungsvoll, aber nicht eingängig, vielschichtig, aber nicht doppelbödig. Mit Ustwolskajas „Symphonischem Poem Nr. 2“ teilt sich das Violinkonzert das Erscheinungsjahr 1959, beide Tonsetzer wurden von Schostakowitsch gefördert, Ustwolskaja als Schülerin, Weinberg eher freundschaftlich. Ähnlich sind sich die Werke nicht - doch beide Komponisten fanden zu einer ureigenen Tonsprache, die den Widrigkeiten ihrer Umstände gänzlich ohne Sarkasmus trotzte. Die zweite Konzerthälfte gehörte dem Bindeglied, einem ausladenden, alles Gewesene zitierenden Schlusswort, Schostakowitschs 15. und letzte Symphonie.


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