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Warner erforscht beim donaufestival die „mechanisierte Welt“

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Mit einer Kunstrichtung gibt sich Julian Warner nicht zufrieden: Bei dem am Freitag startenden donaufestival in Krems ist er als Musiker, Ausstellungsmacher und Kulturtheoretiker zu erleben. Seine Installation „The Kriegsspiel“ eröffnet das Festival in der Kunsthalle Krems, wo er auch mit seinem Musikprojekt Fehler Kuti auftreten wird. Wie für ihn all diese Dinge ineinandergreifen und wie politisch seine Arbeiten sind, erklärt er im APA-Interview.

APA: Sie sind mit verschiedenen Projekten beim diesjährigen donaufestival zu Gast. Ist eine derartig fokussierte Auftrittsgelegenheit besonders für Sie?

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Julian Warner: In dieser geballten Form ist es etwas Besonderes. Aber meine Praxis ist immer transdisziplinär. Ich singe auf Podien und referiere auf Konzerten. Für mich sind diese verschiedenen Einladungen schlichtweg Aufforderungen zur Dekonstruktion dieser Gattungen.

APA: Gleich am ersten Tag gibt es das Konzert von Fehler Kuti in der Kunsthalle, wo Ihre Installation „The Kriegsspiel“ zu sehen ist. Wie werden Sie im Rahmen des Konzerts auf dieses Setting eingehen?

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Warner: Fehler Kuti-Konzerte sind immer halbe Performances oder Happenings. „Wenn Rollen kollidieren“ nannte das mal ein Journalist. Ich stelle mir das Konzert als eine räumliche und inhaltliche Bewegung vor. Wir führen die Zuschauer*innen von der Installation im Oberlichtsaal der Kunsthalle bis raus auf die Straße, aber wir führen sie auch von dem bekannten Fehler Kuti-Kosmos um Rasse und Klasse hin zu den Themen des Kriegsspiels: Planung/Simulation, Logistik, Territorium und dem Kampf um Hegemonie.

APA: Mit dem Namen Fehler Kuti beziehen Sie sich nicht nur auf die Afrobeat-Legende Fela Kuti, sondern bringen den „Fehler“ auch als Teil Ihrer Darbietung ins Bewusstsein. Braucht es als Künstler eine ausgeprägte Fehlerkultur?

Warner: Der Fehler benennt die performative Lücke zwischen einem popkulturellen und antikolonialen Symbol, wie Fehler Kuti, und einem schwarzen Rheinländer, wie mir. Es geht darum, postkoloniale und dekoloniale Diskurse und ihre Subjektanrufungen nicht als Ideologien, sondern als situierte Praktiken zu verstehen. Anders gesagt: Im antirassistischen Kampf macht es Sinn, dass sich Menschen von LA bis Singapur, von Kapstadt bis Reykjavik als „Schwarz“ identifizieren. Aber wie Stuart Hall schon bezüglich des atlantischen Raumes sagte, „race is a floating signifier“, ergo: Schwarzsein bedeutet überall etwas anderes. In Deutschland sind wir aus anderen Gründen schwarz als in den USA. Unser Schwarzsein hat eine andere Geschichte und dadurch auch eine andere Gegenwart. Mit Fehler Kuti versuche ich ausgehend von dieser Lücke und dieser Verletzlichkeit etwas zu artikulieren, was im politischen und akademischen Diskurs unsagbar geworden ist.

APA: Ihre Musik ist durch und durch politisch. Wie hat sich denn die Pandemie auf Ihre Songs ausgewirkt?

Warner: Ich habe den Universalismus für mich wiederentdeckt. Auf der ersten Platte „Schland Is The Place For Me“ von 2019 ging es noch viel um München und Subkultur und meiner eigenen Subjektwerdung in diesem Zusammenhang. In der Performance „The History of the Federal Republic of Germany as Told by Fehler Kuti und die Polizei“ und dem Album „Professional People“ (beides 2021) ging es dann um die Rolle von People Of Color für und in den Institutionen des Wohlfahrtsstaates. Vor der Pandemie besang ich das Leben in den Nischen, während der Pandemie dann das Leben in der Verwaltung.

APA: Ihr aktuelles Album ist Mitte 2021 erschienen. Wie beeinflusst ein Ereignis wie der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine Ihre Konzerte? Können Sie auf so rezente Dinge überhaupt eingehen?

Warner: Parallel zum Album „Professional People“ habe ich 2021 auch den Sammelband „After Europe. Beiträge zur dekolonialen Kritik“ herausgegeben. Darin schrieb die Kulturanthropologin Olga Reznikova von der großen Gefahr durch den russländischen Imperialismus. Mich beschäftigt also schon seit einiger Zeit die Frage, inwiefern wir in den Metropolen des Westens unsere postkolonialen Diskurse erweitern oder reformieren müssen, um nicht-westlichen Kolonialismus analytisch und dann auch künstlerisch greifen zu können. It‘s an ongoing process for me.

APA: Thematisch haben wir so gewissermaßen die Überleitung zu „The Kriegsspiel“, eine Auftragsarbeit, die Sie für das donaufestival entworfen haben. Was sind deren Eckpunkte?

Warner: In der Ausstellung beschäftigen mein Team und ich uns mit dem militärischen Sandkasten und dem darauf durchgeführten Kriegsspiel. Dieser Apparat ist eine Erfindung des preußischen Militärs, um Kriegsszenarien zu simulieren und Abläufe zu trainieren. Aber dessen Rezeptionsgeschichte transzendiert das militärische Feld. Für den Vater der Planwirtschaft, Walter Rathenau, wurden im Kriegsspiel die „Naturgesetze“ der industrialisierten Nationen sichtbar und die RAND Corporation nutzte es, um Management-Schulungen durchzuführen. Für Guy Debord war das Kriegsspiel eine Anleitung zur allgemeinen Lebensführung in einer fordistischen Gesellschaft.

In diesem Diskursfeld sind Kapitalismus, Sozialismus oder auch Krieg schlichtweg Ausformungen der einen „mechanisierten Welt“. Damit sind ökonomische Grundpfeiler der Moderne gemeint: Serielle Produktion, Arbeitsteilung, Logistik, Planbarkeit, etc. Wenn also jetzt wegen der Pandemie oder dem Überfall auf die Ukraine das Toilettenpapier im Supermarktregal fehlt, dann sind das Glitches im Plan. Poetisch gesagt geht es mir mit dieser Arbeit nicht darum, die ideologische Grenze zwischen ziviler Welt und Krieg wiederherzustellen, sondern um die künstlerische Erforschung einer gemeinsamen Wurzel, nämlich der „mechanisierten Welt“.

APA: Können Sie auf den Ukraine-Konflikt noch eingehen, oder wäre eine derartige Kontextualisierung von „The Kriegsspiel“ ohnehin nicht zielführend?

Warner: Der Ukraine-Krieg spielt in dieser Konkretion keine Rolle in meiner Arbeit. Es geht vielleicht andersherum um die Frage, wie wir es geschafft haben, im öffentlichen Diskurs nahtlos von Problemen der weltweiten Impfstoffverteilung und dem Brechen von pandemischen Wellen zu Javelin-Raketen, Kriegslogistik und Sanktionen zu wechseln. Es ist doch erstaunlich, wie wir plötzlich alle Expert*innen der Kriegswirtschaft geworden sind. Ich denke, die Benutzung des Kriegsspiels und das Denken in der Logik der „mechanisierten Welt“ liefert uns hierfür grundlegende Erkenntnisse.

APA: In der Beschreibung heißt es, dass Sie die Installation „aktivieren“. Was kann man sich darunter vorstellen?

Warner: Am ersten Festivalwochenende spiele ich mit den Besucher*innen im Sandkasten Krieg. Das wird ein großer verstörender Spaß werden.

(Die Fragen stellte Christoph Griessner/APA per E-Mail)

ZUR PERSON: Julian Warner, geboren 1985, ist als Künstler und Kulturanthropologe in den Bereichen Musik, Kuration, Performance und Wissenschaft tätig. Er leitet das im Herbst stattfindende Festival „Über:morgen“ der Kulturregion Stuttgart und verantwortet ab kommendem Jahr das Augsburger Brechtfestival. Mit seinem Musikprojekt Fehler Kuti veröffentlicht er antirassistischen Pop, und als wissenschaftlicher Mitarbeiter ist er am Institut für Kulturanthropologie der Georg-August-Universität Göttingen tätig. Beim donaufestival konnte man ihn bereits 2017 gemeinsam mit Oliver Zahn erleben, als das Duo die Performance „Situation mit Doppelgänger“ aufführte.

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